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Eine ganz vorzügliche Gabe, die dem Gesichte wenig nachsteht, ist auch das Gehör. Die Ohren treten deshalb etwas hervor, damit sie einerseits ihren zierlichen Schmuck zur Schau trügen, andererseits allen Unrat und Schweiß auffingen, der vom Haupte trieft, zugleich endlich, damit sich in ihren Vertiefungen der Schall breche und so ohne Schaden anzurichten in die inneren Gänge dringe. Denn wäre dem nicht so, wer würde nicht bei jedem zu starkem Schallaut betäubt werden. Machen wir doch noch trotz dieser nützlichen Einrichtung die Erfahrung, daß uns häufig durch einen unvermuteten Schall das Gehör verschlagen wird. Als Bollwerke sodann mag man sie betrachten, die gegen grimmige Kälte wie glühende Hitze vorgeschoben sind, daß nicht die Kälte in die offenen Gänge dringe, noch die übergroße Hitze ihre versengende Wirkung äußere. S. 285 Die Spiralförmigkeit des inneren Ohres aber moduliert rhythmisch und dynamisch den Ton, insofern eben infolge der Krümmungen des Ohres ein gewisser Rhythmus erzeugt wird und der eingedrungene Laut gewisse Modulationen erfährt. Daß außerdem diese Krümmungen den aufgenommenen Laut länger festhalten, lehrt die bloße Erfahrung, insofern in hohlen Bergschluchten oder Felseneinschnitten oder an Flußkrümmungen der Schall dem Ohre süßer tönt und das Echo im Widerhall liebliche Antwort jauchzt. Selbst das Ohrenschmalz ist nicht nutzlos, es bindet den Laut, so daß die Erinnerung daran wie sein Wohlklang länger in uns nachhält.
