Einunnddsiebzigstes Kapitel. Über die Sünden und Laster an und für sich.
Überleitung. „Zum Aufsteigen in mannigfacher Weise hat er sein Herz herangebildet im Thale der Thränen, am Orte, den er sich bestimmt hat. Denn seinen Segen wird der Gesetzgeber verleihen; sie werden wandeln von Tugend zu Tugend: Gott wird gesehen werden in Sion, der Herr der Götter.“ Ps. 83. Fruchtbare Moraltheologie, wie sie der Engel der Schule hier vorträgt! Überall findet da der Leser oder vielmehr der Betrachtende und Forschende Principien, die ihm aus dem Innersten des Moralgebiets selber entgegenleuchten und ihn befähigen, gemäß seinem eigenen Verständnisse in den einzelnen Fällen zu entscheiden. Die freie Selbständigkeit des Menschen im sittlichen Handeln wahrt Thomas mit peinlichster Sorgfalt. Überall zeigt er, wie im Menschen selber Vermögen oder Zustände sind, kraft deren er innerhalb seiner die leitende Richtschnur für die Thätigkeit findet. Und aus diesem Grunde macht auch seine Lehre selbständig, so daß man nicht notwendig hat, bei jedem Einzelfalle zu Principien seine Zuflucht nehmen zu müssen, welche dem Moralgebiete an und für sich fremd und deren Begründung wenigen zugänglich, wenn nicht überhaupt unzugänglich ist. „Im Thale der Thränen“ hatte der engelgleiche Lehrer seine Behandlung der Leidenschaften geendet. Streit, Zähneknirschen, innerlicher Ingrimm, der Zorn mit einem Worte war das Ende der sich selbst überlassenen Leidenschaften gewesen. Weit bleibe es fern von uns, die Gegenstände der Sinne zu begehren, bloß weil die Begierden reizen; zu essen, bloß weil die Speise etwas Angenehmes hat; die Ehrenbezeigung zu begehren, bloß weil ihr von Natur ein gewisser Glanz innewohnt. Gott hat allerdings über Alles, was Er geschaffen, Ergötzen verbreitet, denn seinem Wesen nach ist Er alle Freude; — „aber nur, damit wir thätig seien,“ sagt so oft Thomas; — nicht damit wir dem sinnlichen Ergötzen dienen, sondern damit alles sinnliche Ergötzen uns diene: „Wisse also,“ schreibt Augustin an Julian (lib. 4, c. 3.), „nicht durch die Natur und Aufgabe ihres Gegenstandes seien die Laster geschieden von den Tugenden, sondern durch den Zweck. Die Natur des Gegenstandes zeigt an, was zu thun ist; der Zweck deutet darauf hin, weshalb etwas zu thun ist. Die wahren Tugenden dienen in den Menschen Gott, von dem sie den Menschen geschenkt werden. Was auch immer Gutes vom Menschen aus geschieht und nicht deshalb geschieht, wozu die wahre Weisheit vorschreibt, daß es geschehe, dies ist allein darum, d. h. weil der rechte Zweck nicht damit verbunden erscheint, Sünde; mag es auch seiner Natur und der mit dieser gegebenen Aufgabe nach als etwas Gutes erscheinen.“ Nicht der einzelnen Erscheinung außen soll die Vernunft mit den in ihr niedergelegten allgemeinen Gesetzen dienen, daß sie nämlich von woher auch immer Vorwände zusammensuche, um dieser Erscheinung, bloß weil es diese Erscheinung ist, genießen zu können. Das führt unabänderlich immer tiefer hinab zum Streit und Zwiespalt; — nämlich zu Widersprüchen bereits in her Theorie, zu innerer Unruhe sodann, zu Gewissensbissen und schließlich zum Heulen und Zähneknirschen“ der Verdammten im künftigen Leben. Die Vernunft soll niedersteigen „in das Thal der Thränen,“ getragen und getrieben vom Beistande Gottes. Wie die Himmelsleuchte der Vernunft dann suchen wird im tiefsten Stoffe die Spuren des göttlichen Gesetzes; wie sie dieselben verbinden wird in sich selbst zum unzerreißbaren, allumfassenden Ganzen! Der Tau des Himmels wird sich niederlassen auf diese Frucht der Vernunft und aus dem dadurch für den Himmel fruchtbar gewordenen Erdboden unseres Herzens, von dem Fundamente der drei göttlichen Tugenden aus, werden die natürlichen Tugenden „ihre Kraft verwandeln, werden empordringen auf Adlersfittigen, wirken werden sie und nie ermüden,“ bis sie zu ihren höchsten, in Gott selber verborgenen Vorbildern kommen und damit eins werden in seligem Schauen dessen, was sie bis dahin einzig ersehnt haben. Wie endet Thomas die Abhandlung über die Tugenden? Da ist kein Streit. Kein greller Mißton stört die Arbeit der Vernunft, die süße Freude des Herzens. „Die heilige Liebe ist eine Liebe, deren Natur alles Unvollkommene ausschließt.“ „Die gleiche Liebe waltet auf dem Pilgerwege, welche waltet in der Herrlichkeit.“ Da, in der heiligen Liebe, endet Thomas seine Betrachtungen über die Tugenden; in jener Liebe, die Alles umschließt und eint: Zeit und Ewigkeit, Sein und Vernunft, Erkennen und Wollen. „Je mehr Gott gekannt wird, desto mehr wird Er geliebt.“ Und diese Liebe macht stark. Alles tragend in der Seele, von Allem der übernatürliche Quell, ist sie auch wieder von Allem die Krone, von Allem die Vollendung. Sie holt heraus aus dem Fundamente der Leidenschaften, aus der sinnlichen Liebe, was an Kraft und einigender Gewalt sich da findet; und mit allüberwindender Stärke führt sie es durch die gesamten Tugenden hindurch, bis daß es selber kräftig wird durch die Gaben des heiligen Geistes und die Seligkeiten des Herrn, die Schlachten des Herrn zu schlagen. Das Letzte, was Thomas an die Tugenden anschließt, die Früchte des heiligen Geistes, „steht gegenüber“ wie der sieggekrönte Triumphator, „den Werken des Fleisches.“ Da liegt in Liebe beginnend in Liebe endend jener einzig vollkommene Ring vor uns, von dem es im Evangelium heißt: „Da sprach der Vater zu seinen Knechten: Bringet schnell das erste Kleid und zieht es ihm an und gebt den Ring in seine Hand und Schuhe an seine Füße.“ Der verlorene Sohn, der in der Fremde sein Vermögen durchgebracht und danach verlangte, aus den Trögen zu essen, woraus die Schweine frassen, und niemand gestattete es ihm; und der da im höchsten Elende gesagt hatte: „Wie viele Lohndiener haben im Hause meines Vaters genug zu essen, ich aber gehe hier zu Grunde vor Hunger; ich will aufstehen und zu meinem Vater gehen und ihm sagen: Vater! ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor Dir; nicht bin ich mehr würdig, Dein Sohn zu heißen;“ — dieser verlorene Sohn erhält wieder die kraftvolle Natur, die er vergeudet, er erhält den Ring und mit ihm das Recht, einzutreten in das Vaterhaus als Kind des Hauses und „Schuhe an die Füße“, damit er nun selbst gegen seine Feinde und deshalb auch die des Vaters ausziehen kann zum friedvollen Kampfe. Dieser Ring überwindet die Folgen des größten Elends und berechtigt zur Teilnahme an der freudvollsten Tafel. Das Alte Testament hatte bereits figürlich den einzigen Glanz und die einzig dastehende Kraft eines solchen Ringes nach verschiedenen Seiten vorgestellt. „Du sollst auch einen Brandopferaltar machen,“ so hatte Gott im Exodus 27. dem Moses vorgeschrieben, „aus Akazienholz… und ein netzartiges Gitterwerk sollst du machen, und an dessen vier Ecken werden sein vier Ringe von Erz… und du wirst auch zwei Hebebalken machen von Akazienholz für den Altar, die du bedecken wirst mit Erzplatten und durch die Ringe wirst du sie ziehen, daß getragen werden könne der Altar von beiden Seiten.“ Was sind diese vier Ringe von Erz Anderes als die vier Kardinaltugenden, wie sie die natürliche Vernunft selber sich erwerben kann! Sie beherrschen mit Festigkeit die Erde unserer Leidenschaften; oder vielmehr sie zünden aus diesen Leidenschaften selber als aus dem geeigneten Stoffe heraus, ein angenehmes Brandopfer an zur Ehre unseres Schöpfers auf dem Altare des Herzens. In den erzenen Ringen der vier Kardinaltugenden wird der Altar unseres Herzens getragen, daß da das Opfer als Holokaust völlig, daß es ganz brenne, wo und wann die eigene Vernunft als Bote des Höchsten es anzeigt; daß nun die Begierlichkeit geopfert werde, nun der Zorn; bald die sinnliche Liebe, bald der Haß; jetzt die leidenschaftliche Hoffnung, jetzt die Verzweiflung: daß aber immer nach dem Gesetze Gottes, wie es in den Kreaturen waltet und unserer Vernunft zugänglich ist, das heilige Feuer emporsteige. Mitten durch die vier Ringe von Erz gehen zwei Hölzer, die mit Erz umhüllt sind. Denn mitten durch die vier Kardinaltugenden geht die Vernunft und die begehrende Kraft; in diesen Kräften werden die vier Kardinaltugenden und vermittelst deren der Altar des Herzens getragen von Ort zu Ort, von Tugend zu Tugend, von Vollendung zu Vollendung. Von Holz sind diese Vermögen wie der Altar; denn die gleiche, leicht entzündbare Natur ist beiden zu eigen. Mit Erz sind die zwei Tragbalken umhüllt wie der Altar. Denn gefestigt ist die Erde unseres Herzens, die Erde der wandelbaren sichtbaren Dinge, aus denen Vernunft und Begehren schöpfen, im Beistande Gottes, dir durch sein Einwirken und durch den Anstoß, den Er der Natur, selbst im rein natürlichen Bereiche, für jegliche gute Wirksamkeit giebt, das feste Erz der Tugenden um unser Herz zu hüllen beginnt, auf daß dieses Herz, mit den ihm zugehörigen Vermögen selber auf Grund des wirkenden Anstoßes von seiten Gottes her sich vollende und Miterbauer der Tugenden werde. Mitten durch die Ringe gehen die Tragbalken. Denn dadurch eben wird vermittelst der Tugenden der Altar des Herzens gerade und aufrecht getragen, daß vermittelst der letzteren immer die Mitte einhalten in ihrem Wirken die Vernunft im Erkennen, das Begehren im Wollen. Die Ringe der Tugenden festigen da die Balken der Vermögen und die Balken der Vermögen machen fähig die Tugenden zu ihrer Thätigkeit, auf daß jedes Vermögen an seiner Stelle stehe und nicht zu viel, nicht zu wenig teil habe an der aufrechten geraden Haltung des menschlichen Herzens. Damit wir uns recht erinnern, wie die wahre Tugend stets die Mitte einhalten muß, ermahnt der heilige Geist (Prov. 4.): „Halte den rechten Pfad ein mit deinen Füßen und alle deine Wege werden fest werden: und nicht zur Rechten hin weiche ab und nicht zur Linken.“ Und Isidorus Pelusiota lib. 3. ep. 131. erklärt dies: „Wie die Richtschnur der körperlichen Schönheit das passende Verhältnis der Teile ist; so besteht auch die äußerste Richtschnur der geistigen Schönheit in der Mitte, welche die Tugenden einhalten.“ „Sei nicht allzu gerecht,“ ermahnt der heilige Geist. Und Bernardus entwickelt dies weiter, wie es zu verstehen sei: „Allem Wirken muß die dreifache Erwägung vorhergehen: ob es erlaubt ist, ob es geziemend ist, ob es nützlich ist.“ Augustin noch eingehender (de Quantit. anim. 26.): Die Tugend ist ein Ring, wo alle Teile des Kreises gleichmäßig vom Mittelpunkte abstehen. Nichts darf da hervorstehen, nichts gebogen, nichts krumm sein; kein Winkel, kein Vorsprung bestehen. Die höchste Erhabenheit ist die Tugend, weil sie über allen Lastern steht. Aber sie selbst hält im Bereiche des Tugendhaften immer die Mitte ein; stets bewahrt sie das Geziemende, damit nichts unnütz sei, nichts mangle. Wenn dies also sich so verhält; meinen wir dann vielleicht, auch nur eine Tugend erworben zu haben, die wir unseren Besitz nicht festhalten ohne Hartnäckigkeit und Habsucht, von ihm nicht mitteilen ohne Verschwendung und weder traurig sind ohne Kleinmütigkeit noch heiter ohne Ausgelassenheit noch gereiftes Urteil haben, ohne anderen damit lästig und beschwerlich zu sein?“ Rein von Erz sind die Ringe der vier Kardinaltugenden. Sie verhüllen in ihrem Innern das schwache Holz menschlicher Schwäche. „Nur zum Guten führen sie; und schlecht kann man sie nicht gebrauchen;“ hieß es oben in der Darlegung des heiligen Thomas. Aber die Vermögen der Vernunft und des Begehrens, die Tragbalken für die Ringe der Tugenden, sind inwendig von leicht vergänglichem, der Fäulnis ausgesetzten Holz; und bleiben nur dann fest mit Erz umhüllt, so lange sie von den Tugenden geformt und gebildet sind. Halten sich die Vermögen fern von der festen Umhüllung der Tugenden, wollen sie ohne die Kräftigung derselben thätig sein, so kommt das elende Holz der sinnlichen Leidenschaften zum Vorscheine; denn ohne Tugend vollzieht sich kein gutes Werk im Menschen. Die erzenen Ringe der Tugenden bleiben unbenutzt, der Altar des Herzens bleibt stehen; — und wie Erz nur dann glänzend und wertvoll bleibt, wenn es beständig in Gebrauch ist, im Falle aber daß es liegen gelassen wird, rostet und vergeht; so rosten auch die Tugenden, wenn sie nicht stets zu dem Zwecke gebraucht werden, um den Altar des Herzens dahin zu tragen, wo das gute Werk sich bietet; sie rosten zuerst und dann vergehen sie. Solcher Gefahr sind die vier goldenen Ringe des Rauchopferaltars nicht ausgesetzt. Diese rosten niemals. Sie werden fortgenommen, wenn der Mensch durch die schwere Sünde es so will; aber keine Unthätigkeit nimmt ihnen ihren Glanz. Denn dieser Glanz hat nichts Irdisches an sich. Rein von oben her, von der ewigen Weisheit her sind sie in der Seele gewirkt. Nicht erworben sind sie, sondern eingegossen in die Seele. Das sind die vier Kardinaltugenden, insoweit sie nicht mehr aus dem Erdboden des Herzens seiner Natur nach emporsprossen, sondern soweit dieser Erdboden erhoben ist weit über die Natur hinaus durch die theologischen Tugenden. Im Vorhofe stand der Brandopferaltar mit seinen vier erzenen Ringen. Alles Volk hatte da Zutritt; alles Volk konnte da opfern dem Höchsten. Vom Vorhofe aber aus durfte niemand in das heilige Zelt, der nicht dazu „von Gott berufen war, wie Aaron“, der nicht die Weihe erhalten hatte; nur der Priester durfte da eintreten. Hier, im Heiligen, stand der Rauchopferaltar aus Akazienholz und ganz mit seinem Golde überzogen. … In der halben Höhe war er von einem goldenen Kranze umgeben …. und unter dem Kranze waren vier goldene Ringe für die mit Gold umhüllten Tragstangen. Der goldene Kranz der theologischen Tugenden strömt herab seine Strahlen auf die goldenen eingegossenen Kardinaltugenden; das Gold von unten, das Gold von oben vereinigt seine Strahlen, um die Seele durch und durch mit reichstem Glänze zu durchleuchten. Von der Erde herauf bringen die eingegossenen Tugenden die Gegenstände, welche Gott geopfert werden sollen; vom Himmel herab fließt das goldene Liebesfeuer, das sie ganz verzehrt. Denn diese Gegenstände sind nicht mehr Leidenschaften, welche je nach der von seiten der Vernunft angegebenen Mitte zum Teil verbrannt, zum Teil weggeworfen werden, die man deshalb auf den Brandopferaltar legt; — auf dem Rauchopferaltare verwandelt sich das ganze Opfer in Liebesduft, der zum Höchsten aufsteigt. Es verhält sich hier durchaus nicht in der Weise, daß etwa zum nämlichen Akte der erworbenen Tugenden, also zur Natur, nun bloß die Beziehung zum übernatürlichen Zwecke trete. Nein; der Vorhof ist abgeschlossen vom Heiligen. Die natürlichen Tugenden führen keineswegs und in nichts zu den übernatürlichen. „Ein neuer Mensch“ tritt da auf, soweit es auf die Thätigkeit ankommt. Neue Vermögen, neue Zustände vervollkommnen die Natur, die da allein die gleiche bleibt, zum übernatürlichen Zwecke hin, d. h. zu einem Zwecke hin, zu welchem diese Natur nirgends die geringste Kraft, weder in sich noch außen im Bereiche des Geschöpflichen findet. Es muß dieser Punkt immer schneidender hervorgehoben werden. Thomas hält streng auseinander das Natürliche und das Übernatürliche. Wohin führen die natürlichen Tugenden? Ihre Spitze, worin sich alle begegnen bei jeder Thätigkeit, ist, wie Thomas stets hervorhebt, die Klugheit; also die Vernunft, wo die Klugheit ihren Sitz hat, oder genauer das Allgemeine. Es ist durchaus die Idee fernzuhalten, als ob die Tugenden beengen, den menschlichen Thätigkeitskreis einschränken. Nein; sie führen zum unbeschränkt Allgemeinen im Bereiche der Natur. Und gerade darin besteht ihr Adel, ihr Nutzen, ihre Gleichförmigkeit mit der menschlichen Natur. Gerade hier ist der Grund, weshalb die Natur keinen Widerstand leistet gegenüber dem Übernatürlichen. Vielmehr wird sie, mag sie auch in sich nicht den mindesten Anspruch haben auf übernatürlichen Einfluß und es selbst positiv von sich abweisen, daß in ihr irgend ein Übergang sei zum Übernatürlichen oder gar ein Anrecht; sie wird, sagen wir, trotzdem bis aufs äußerste vollendet durch das übernatürliche. Die Aufgabe der Tugend ist es, das Allgemeine mit dem Einzelnen zu versöhnen, diesen Gegensatz also zu Überdrücken. Das Einzelne außen macht den ersten Eindruck in die Seele vermittelst der Leidenschaften; denn nur Sichtbares besteht für den Menschen als einzeln in der Wirklichkeit Existierendes. Nur Sichtbares wirkt als Einzelnes auf ihn ein. Wie aber werden nun die Leidenschaften, also die sinnlichen Eindrücke, in die Seele resp. in deren Vermögen aufgenommen? Nach der subjektiven Natur dieser Vermögen einerseits und andererseits gemäß der ganzen menschlichen Natur; d. h. gemäß dem, daß diese Vermögen menschliche Teile der Menschnatur sind. Handelt es sich nämlich um die Natur der die sinnlichen Eindrücke unmittelbar als solche aufnehmenden Vermögen, so kommt hier nur die sinnliche Begehr- und Abwehrkraft in Frage. Handelt es sich aber um diese Vermögen als menschliche, so ist die Vernunft als leitende Richtschnur da. Also werden alle diese sinnlichen Eindrücke, insoweit sie das Subjekt verändern, in welchem sie aufgenommen werden, insoweit nämlich letzteres leidend ist, der Richtschnur der Vernunft und somit der Richtschnur des Allgemeinen unterworfen, sobald sie der menschlichen Natur gemäß sich vollziehen, also gut sein sollen. Hienach würde die Vernunft den Stoff gleichsam, d. h. den Gegenstand für ihre regelnde Thätigkeit im eigenen Subjekte finden, im Menschen nämlich, dem sie angehört. Besitzt aber nun dieses Subjekt, dieser besondere Mensch, in sich ein Einzelnes, Wirkliches, wonach der letzte Zweck der Thätigkeit der Vernunft sich regeln kann, um danach die Leidenschaften zu behandeln? Gewiß nicht. Dieses Einzelne, Wirkliche müßte, um der Natur der Vernunft, also des Menschen, zu entsprechen, alles Allgemeine in sich einschließen; es müßte in seiner Thatsächlichkeit allgemein, also Seinsfülle sein. Es besteht also innerhalb der Vernunft selbst gar keine solche endgültige Richtschnur, wonach die subjektiven Eindrücke der Leidenschaften geregelt werden könnten gemäß der Natur des Menschen. Es muß noch ein anderes Moment hinzutreten. Man muß Thomas ganz nehmen oder gar nicht. Bei ihm ist Alles so abgeschlossen, daß man keinen Teil vernachlässigen darf, ohne dem Ganzen zu schaden. Dasselbe gilt von den großen alten Vätern. Es kommt jetzt im Folgenden, um eine solche Richtschnur zu finden, das Gesetz in Betracht, wie es draußen von Gott in die Natur niedergelegt worden ist. Der folgenschwerste Irrtum ist es, Gesetz und Freiheit im allgemeinen als Gegensatz zu betrachten. Die Vernunft kann gar nicht vernunftgemäß die Leidenschaften regeln, außer insoweit sie das Gesetz, welches die Dinge nach den verschiedensten Seiten hin mit Gott, mit den Geistern, mit dem Menschen, unter sich selbst verbindet, und wovon der Mensch selbst ein Teil ist, außer insoweit sie also dieses Gesetz auffaßt, in sich aufnimmt und bewahrt. „Gott setzte den Menschen in das Paradies der Wonne, damit er da wirke und es bewahre.“ Ein solches Paradies ist eben das Gesetz nach Ps. 118.: „Mein Anteil ist es, zu bewahren Dein Gesetz.“ Thomas unterscheidet hier so oft zwischen „Leidenschaften“ und „Thätigkeiten“ und stellt demgemäß verschiedene Tugenden auf. Leidenschaften nennt er die sinnlichen Eindrücke von außen, welche auf die Sinnesvermögen bestimmend einwirken, so daß diese „leiden“, d. h. verändert oder bestimmt werden in ihrem thatsächlichen Sein; — Thätigkeiten aber weist er der Vernunft zu, insoweit diese das Band der Gesetze, welche die Außenwelt und den Menschen umschlingen, in sich aufnimmt und danach von sich aus thätig ist d. h. den Leidenschaften bestimmend gegenübertritt. Wie aber wendet die Vernunft die in sie eintretenden allgemeinen Gesetze auf die Regelung der Leidenschaften an? Gemäß der Klugheit. Das will heißen: Soweit das Beste des einzelnen Menschen gegenüber den subjektiven sinnlichen Eindrücken der Leidenschaften sowohl wie auch gegenüber den Gesetzen, die das Ganze, also auch den Menschen als dessen Glied objektiv regeln, es verlangt. Der Klugheit gehört es zu, abzumessen die Leidenschaften gegen die Gerechtigkeit, welche aus den objektiv, im Bereiche der Natur bestehenden Gesetzen sich ergiebt. Der etwaige Gegensatz kann also einzig bestehen zwischen subjektiven Leidenschaften und objektivem Gesetz; nicht zwischen Freiheit und Gesetz. Eben kraft der Klugheit hat der Mensch es in sich, er hat es in seiner freien Gewalt, zwischen beiden die Mitte zu ziehen. So offenbart sich im selben Akte immer das Ganze der vier Kardinaltugenden im Bereiche der Natur. Die Mäßigkeit hat zum Gegenstande die sinnlichen Eindrücke des Begehrens, die Stärke die des Abwehrens, die Gerechtigkeit das außen objektiv bestehende Gesetz, die Klugheit giebt in Allem die Richtschnur. Ist damit schon das Einzelne mit dem Allgemeinen endgültig versöhnt? Das kann man nicht sagen. Die sinnlichen Eindrücke kommen allerdings vom Einzelnen als solchem; aber einmal im Menschen vorhanden sind sie der Vernunft, also der Potenz für das Allgemeine, unterworfen. Die Gesetze sind an und für sich allgemeine Regeln, soweit sie aus den Wesenheiten der Dinge geschöpft werden können; und die Vernunft erkennt ja nur nach der Richtschnur des Allgemeinen, also der Wesenheit, in den Dingen. Die sinnlichen Eindrücke also oder die Leidenschaften, welche an und für sich das einzelne Moment vorstellen, sind zuerst dem Allgemeinen im Subjekte, im Menschen selber unterworfen und dann dem Allgemeinen, was von außen her geschöpft wird. Innerhalb der menschlichen Natur wird sonach vielmehr das Allgemeine vom Einzelnen als solchem losgelöst, es wird das darin enthaltene Allgemeine klar bloßgelegt; die Indifferenz erscheint. Die Klugheit ist nur dann die rechte naturgemäße Richtschnur des menschlichen Wirkens, wenn sie so die Vernunft und vermittelst deren die Sinne auf das Einzelne richtet, daß sie Alles gewissermaßen offen läßt, in nichts Einzelnem den letztbestimmenden Endzweck sieht; sondern wenn sie das, was sie bestimmt, in der Weise bestimmt, daß das Vermögen in unbeschränkter Weise zu weiterer Bestimmung offen bleibt. Die Klugheit regelt dann recht, wenn sie niemals sagt: „Hier, Mensch, ist dein letzter Beweggrund zum Handeln; hier bist du sicher; hier ist dein Endgut.“ Die Natur ist an und für sich Vermögen, um zu wirken; und alle Natur miteinander in der Vernunft verbunden tritt nur um so mehr als Vermögen für weiteres Thätigsein hervor. Es bleibt da bei den natürlichen Tugenden ein reines Vermögen übrig, welches nichts Bestimmtes besagt, keinen weiteren Endzweck zeigt, nichts abschließt; die ausgeprägteste Erklärung der Psalmenworte: „Ich wartete auf mein Heil,“ ohne zu wissen, woher und in welcher Weise es komme. „Der Geist weht, wo er will;“ sagt mit Bezug darauf der Heiland. Im Erze der Klugheit, d. h. in der reinen Vernunft, im Allgemeinen dem Vermögen nach, ist der Abschluß der natürlichen Tugenden. Das Einzelne fällt da fort in den Leidenschaften, damit nur das auf dem Brandopferaltare erscheine und Gott, dem Schöpfer, aufgeopfert werde, was dem Allgemeinen dient. Im Golde der Liebe fangen an und schließen auch endgültig ab die eingegossenen, oder übernatürlichen Tugenden. Von der Erde kann jenes Einzelne, welches in seiner thatsächlichen Wirklichkeit alle Fülle der Güter einschließt, nicht kommen; es ist da nicht. Alles Einzelne als solches ist hier unten ohne hinreichenden Grund in sich; kann also gar nicht die Vernunft selbständig bestimmen, welche nur vom Grunde her sich bestimmen läßt. Nur jener kann eine solche Bestimmung und Vollendung der Vernunft und dem Willen vom ersten Beginne an geben, der in sich alles Sein thatsächlich dem allgemeinen Wesen nach in aller Einzelheit ist. Zur Erweiterung der Indifferenz, der Allgemeinheit also im menschlichen Willen, können die natürlichen Tugenden mitwirken; immer freilich, wie der Prophet oben voranschickt, unter dem (natürlichen) Beistande Gottes: „Selig, deren Beistand von Dir kommt.“ Aber das wirkliche Wollen und Thätigsein zum letzten Endzwecke hin geht in seinem Anfange wie in seinem Ende, wie in seiner ganzen Entwicklung, über alle Kraft der Natur hinaus. Da wird zuvörderst die Vernunft als Vermögen vollendet unmittelbar von Gott durch den Glauben, der Wille aber durch die Hoffnung und die Liebe. Nicht mehr das rein Allgemeine ist hier der Anfang, sondern die Liebe richtet die Vernunft durch den Glauben auf den Einen, Allvollkommenen. Und nicht die Klugheit in der Vernunft ist hier das Ende, sondern wieder die Liebe, die ja immer auf die Wirklichkeit, auf das Einzelne geht. Ähnlich war in den Leidenschaften, die vom geschaffenen Einzelnen herkommen, die Liebe der Anfang; und wurden sie durch die Vernunft geleitet, so endeten sie wieder in die allerdings weiter bestimmbare Liebe, d. h. in die Freude über den besessenen Gegenstand der Liebe. Danach sind aber auch die Zustände, welche von den in dieser Weise erhobenen Vermögen der Vernunft und des Willens ausfließen, nämlich die Kardinaltugenden, soweit sie von Gott selber nun, von der Liebe eingegossen sind, durchaus und wesentlich andere, wie diese selben Kardinaltugenden als bloß natürliche Tugenden; sie sind in keinem Falle bloß ein Zusatz zu den letzteren, wie man etwa den gleichen Diamant zuerst dem Lampenlichte aussetzt und dann dem Sonnenlichte. Sie brennen voll und ganz, ohne etwas von sich auszuscheiden, als wohlduftender Weihrauch auf dem Rauchopferaltar innerhalb des von der göttlichen Liebe geheiligten Herzens. Die erworbene Mäßigkeit regelt den Genuß von Speise und Trank, damit der Körper keinen Schaden leide in der Gesundheit; und nimmt sonach mit demselben Rechte Speise und Trank, als sie deren Genuß unter anderen Umständen zurückweist. Die eingegossene Mäßigkeit aber bringt aus ihrem ganzen Körper mit seinem Begehren ein Rauchopfer dar Gott gegenüber und macht durch Fasten und Abtötung den Körper zum vollkommenen Sklaven, damit nicht der ganze Mensch verdammt werde; — selbst das Leben bringt sie freudig dar, wenn der Glaube dies verlangt, indem sie nichts und kein Recht gegenüber der Liebe Gottes dem Körper bewahrt. Die erworbene Stärke setzt sich großen Gefahren aus und selbst dem Tode, um z. B. das Vaterland zu schützen. Die eingegossene Stärke kennt keine solche Grenze; erfüllt von Gottes Liebe verachtet sie Könige und Fürsten und Vaterland und setzt sich mit Freude Gefahren ohne Grenzen aus, wenn es das Heil der Seele gilt. Die erworbene Gerechtigkeit teilt jedem das Seine zu und bewahrt es, je nachdem die Gesetze dies fordern und das friedliche Zusammenleben der Bürger es verlangt. Die eingegossene hält die rechte Mitte zwischen den Menschen ein als Bürgern des Himmels und Hausleuten Gottes gemäß dem Worte Christi: „Wenn dich jemand auf die eine Wange schlägt, halte ihm die andere hin; und nimmt dir jemand den Rock, so gieb ihm noch den Mantel;“ für sie „erhöht die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit.“ Die erworbene Klugheit geht vorsichtig vor in den Geschäften, zieht den größeren Gewinn dem kleineren vor, die Gesundheit des Leibes den äußeren Gütern. Die eingegossene „achtet als Schmutz“ Alles, was vergeht, und richtet ihr Augenmerk allein auf das Ewige. Das ist „das Aufsteigen aus dem Thale der Thränen in dem Orte, den der Herr in seiner Barmherzigkeit bestimmt.“ Das Erz verwandelt sich immer mehr in Gold je nachdem man höher steigt. Der Psalmist nennt es aber noch nicht das Vorgehen „von Tugend zu Tugend.“ Das kommt erst jetzt; „nachdem der Gesetzgeber,“ welcher die Gesetze der Weisheit in die Kreatur versenkt hat, „selbst nun seinen Segen gegeben,“ daß reiche Frucht ausfließe aus dem Glauben, der Hoffnung, der Liebe, daß sich ausbreiten nun von diesem Boden aus gleich den vier Strömen des Paradieses der Wonne die vier von Gott selbst gepflanzten Haupttugenden und jedes Vermögen, jede Fähigkeit, jedes Glied, möchte man sagen, durchdringen, befruchten und einführen in das Heiligtum der Liebe. „Nichts Anderes, meine ich, seien die Tugenden“ so Augustin (de morib. Eccl. 15.) „als die größte Liebe Gottes. Denn daß man von einer viergeteilten Tugend spricht, das gilt nur, soweit ich verstehe, von der verschiedenen Hinneigung der Liebe. Daher trage ich kein Bedenken, jene Tugenden, die in aller Munde sind (wären sie doch auch in unserer aller Herzen) in dieser Weise zu definieren; daß Mäßigkeit Liebe sei, insoweit sie sich ganz dem geliebten Gegenstande darbietet; Stärke aber Liebe sei, insoweit wegen des Geliebten Alles leicht ertragen wird; Gerechtigkeit wiederum nichts Anderes als Liebe sei, insoweit sie dem Geliebten dient und deshalb auch in der rechten Weise herrscht; und endlich daß Klugheit Liebe sei, die gut zu unterscheiden weiß das, was dem Besitze des Geliebten dient, von dem, was darin schadet. Freilich fügen wir hinzu, daß eine derartige Liebe nur auf Gott sich richten kann, das höchste Gut, die höchste Weisheit, die höchste Eintracht. So das höchste Gut erstreben heißt gut leben, so daß nichts Anderes sei gut leben, wie mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Geiste Gott lieben, von dem es herrührt, daß im Geiste die Liebe zu Ihm unverdorben, rein bewahrt werde, was Mäßigkeit ist; daß sie durch keine Mühseligkeiten gebrochen werde, was Stärke ist; daß sie nichts Anderem diene, was Gerechtigkeit ist; daß sie wache im Unterscheiden, damit kein Trug, keine Täuschung sich einschleiche, was Klugheit ist.“ „Die Stärke der Heiden,“ so derselbe heilige Vater (lib. 1. operis imp.; — conc. Arausic. can. 17.) „wird beherrscht von der weltlichen Begierde. Die Stärke der Christen wird hergestellt durch die Liebe Gottes, die in unseren Herzen ausgegossen wird; nicht durch die Freiheit des Willens, sondern durch den heiligen Geist, der uns gegeben worden.“ So speist Gott selber mit seiner Liebe in diesen heiligen Tugenden die Seele, daß sie unter seiner Leitung nun „von Tugend zu Tugend“ fortschreite d. h. von Liebe zu Liebe, „bis daß Gott selber gesehen werde.“ Das sind die vier goldenen Ringe am Schaubrottische. Sie sind ebenfalls von Gold und durch sie gehen ebenfalls vergoldete Tragstangen; gerade wie beim Rauchopferaltare. Aber da kam das Rauchopfer in Betracht, das die Seele in innigster Liebe mit ihrem ganzen Selbst darbrachte. Hier jedoch beim Schaubrottische giebt Gott seinerseits der Seele die ihr gebührende Speise des Frohlockens, der Freude, des Friedens. Zwölf Schaubrote liegen auf dem Tische; denn zwölf sind der Früchte des heiligen Geistes, die schon jetzt auf Erden den Menschen erquicken und entzücken in Glück und Unglück, wie oben Thomas darlegte. „Dünn“ sind diese Schaubrote. Denn wir sollen dadurch angeregt werden, nur um so mehr nach dem unvergänglichen Brote im Himmel zu hungern; deshalb „giebt der Herr nach gewissem Maße das erquickende Brot“ hier auf Erden. Aber vom feinsten Weizenmehl sind sie, ungesäuert, in eiserner Form gebacken; denn die „nämliche hohe reine Liebe besteht,“ wie Thomas sagte, „hier auf Erden und dort im Himmel;“ nur ist sie hier unvollkommen. Und diese Liebe ist in eiserner Form. Denn „seinem Willen wer kann widerstehen?“ „Er führt seine Auserwählten mit eisernem Scepter,“ sagt der zweite Psalm. Und ein Brustschild — „rationale“ nennt es bezeichnend der lateinische Text — trug der Hohepriester, welches an seinen zwei oberen Ecken durch zwei goldene Kettchen mit zwei Onyxsteinen, an seinen zwei unteren Ecken dagegen durch hyazinthene Bänder an zwei Ringe des Schulterkleides befestigt war. Im „Heiligen“ ist der Rauchopferaltar und der Schaubrottisch mit den vier goldenen Ringen. In „das Allerheiligste“ aber tritt niemand ein wie der Hohepriester. Und wer anders ist dieser Hohepriester wie jener ewige Hohepriester, der da, allein Gott und Mensch zugleich, kraft seiner Natur das Recht hatte zum Eintritte in das Allerheiligste, d. i. in das Sion der Ewigkeit, in die Anschauung des göttlichen Wesens. Er trug das Brustschild, auf dem geschrieben stand: „Licht und Vollkommenheit“ d. h. Wahrheit und Liebe, die Wahrheit der Liebe und die Liebe der Wahrheit, die Fülle aller Wahrheit und Wahrheit aller Fülle, die allumfassende Wahrheit in sich haltend als das einzige thatsächliche Gut im Himmel und auf Erden, von dem alle Wahrheit und alle Güte kommt. „Zwei Ringe befestigen am Schulterkleide unten das Brustschild.“ Denn Gottheit und Menschheit waren im Herrn zugleich befestigt am Schulterkleide des Kreuzes. Die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit hielten Ihn da fest; damit Er uns zeige mit unfehlbarer Sicherheit „das Aufsteigen aus dem Thale der Thränen von Tugend zu Tugend, bis daß Gott gesehen wird in Sion.“ Durch dieses Brustschild steigen wir hinauf in Wahrheit und Liebe. Zwei goldene Kettchen leiten dann weiter, die von oben kommen, von den zwei Onyxsteinen, „in denen eingegraben sind die Namen der zwölf Stämme Israels.“ Oben, da in der Ewigkeit, sind die Auserwählten eingegraben im Wissen und in der Vorherbestimmmng Gottes. Da ist das feste Fundament für unser Hoffen und für unser Glauben; da ist die Alles zusammenhaltende Einheit unserer Liebe. Jeder Tugendakt hat obenher sein leuchtendes Vorbild, sein höchstes Muster; von oben kommt zu jedem Akte die Kraft. Es bestehen dort oben die vier Kardinaltugenden als Exemplartugenden im Wesen Gottes: die Mäßigkeit als das ewige Sichselbstgleichbleiben in Gott; die Stärke als seine unverbrüchliche Einheit; die Gerechtigkeit, weil seine Liebe Wahrheit ist, seine Wahrheit Liebe; die Klugheit als sein ewiger Ratschluß, der Alles regelt. Da finden unsere Tugenden, so tief sie angefangen haben, mitten aus dem Stoffe heraus, ihre Vollendung in der denkbar höchsten Erhabenheit: „Sie werden gehen von Tugend zu Tugend, bis daß der Herr, unser Gott, gesehen wird in Sion.“ Der heilige Thomas steigt nun nieder zu den Lastern; aber so, daß auch von dieser Seite her um so mehr der Glanz der Tugenden leuchten wird, je mehr erscheint wie auch das geringste Abweichen von ihnen zum abscheulichsten Verderben führt. Rückschtlich der Sünden und Laster haben wir zu betrachten: 1. ihr Wesen; 2. ihren Unterschied voneinander; 3. ihr Gemeinsames; 4. ihren Sitz oder ihr Subjekt; 5. ihre Ursache; 6. ihre Wirkung.
