XXIII. KAPITEL. Gegen die Juden. Vom Sabbat.
Sabbat heißt der siebente Tag. Er bedeutet die Ruhe. Denn an ihm „ruhte Gott von allen seinen Werken 1“, wie die göttliche Schrift sagt. Darum macht auch die Zahl der Tage, wenn sie bis sieben fortgeschritten ist, wieder den Kreislauf und beginnt mit dem ersten [Tage]. Diese Zahl stand bei den Juden in Ehren, da Gott befahl, sie zu ehren, und das nicht beliebig, sondern unter den schwersten Strafen im Übertretungsfalle 2. Nicht grundlos befahl er dies, sondern aus gewissen Gründen, die von „Geistigen 3“ und Scharfsichtigen mystisch verstanden werden.
Was mich, den Ungelehrten, betrifft, so ist meine Ansicht darüber — ich beginne mit dem Niedrigeren und Gröberen — folgende: Gott kannte die Roheit und Fleischlichkeit und ganz materielle Neigung des israelitischen Volkes, zugleich aber auch seinen Unverstand. Darum [befahl er es], erstens damit der Knecht und das S. 249 Zugvieh ruhe, wie geschrieben steht 4, weil „ein gerechter Mann sich seines Viehes erbarmt 5“, dann aber auch, damit sie (═ die Israeliten) sich der Beschäftigung mit der Materie enthielten, sich zu Gott hinsammelten, „mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern 6“ und Studium der göttlichen Schriften den ganzen siebenten Tag verbrächten und in Gott ruhten. Denn als es noch kein Gesetz und keine „von Gott eingegebene Schrift 7“ gab, war auch der Sabbat Gott nicht geheiligt. Als aber „die von Gott eingegebene Schrift“ durch Moses gegeben ward, wurde der Sabbat Gott geheiligt, damit sich an ihm auf das Studium dieser (═ der Schrift) die verlegten, die nicht ihr ganzes Leben Gott weihten, die nicht aus Liebe dem Herrn als Vater dienten, sondern als gedankenlose Knechte, und wenigstens einen kleinen, ganz geringen Teil ihres Lebens Gott widmeten, und dies aus Furcht vor Rechenschaft und Strafe im Übertretungsfalle. Denn „das Gesetz gilt nicht für den Gerechten, sondern für den Ungerechten 8“. Denn zuerst hat Moses, da er vierzig Tage und wieder weitere vierzig unter Fasten bei Gott lag 9, sicherlich auch an den Sabbaten sich durch Fasten kasteit, während doch das Gesetz befahl, sich am Tage des Sabbats nicht zu kasteien 10. Wollten sie aber sagen, das sei vor dem Gesetz gewesen, was werden sie von Elias dem Thesbiter sagen, der mit einer einzigen Speise einen Weg von vierzig Tagen zurückgelegt 11? Denn da dieser nicht bloß durch Fasten, sondern auch durch die Reise sich an den Sabbaten der vierzig Tage kasteit, so hat er den Sabbat verletzt. Und doch hat Gott, der das Gesetz gegeben, diesem nicht gezürnt, sondern er hat sich ihm sogar gleichsam als Tugendlohn auf dem Horeb S. 250 geoffenbart 12. Was werden sie ferner von Daniel sagen? Hat er nicht drei Wochen ohne Speise zugebracht 13? Wie? Beschneidet nicht ganz Israel das Knäblein am Sabbat, wenn es da gerade acht Tage alt ist 14? Und werden sie (═ die Israeliten) nicht auch das große Fasten 15, das ihnen im Gesetz vorgeschrieben ist, halten, wenn es etwa auf den Sabbat trifft? Und entweihen nicht auch die Priester und die Leviten bei den Arbeiten im Zelte (═ Tempel) den Sabbat und sind doch schuldlos 16? Aber auch der, der ein Vieh, das am Sabbat in eine Grube fällt 17, herauszieht, ist ohne Schuld, schuldig, wer es unterläßt. Und wie? Ist nicht ganz Israel, die Gotteslade tragend, sieben Tage lang um die Mauern Jerichos gezogen 18, worunter sicherlich auch der Sabbat war?
Also, wie gesagt, wegen der Beschäftigung mit Gott, damit sie wenigstens einen ganz geringen Zeitteil ihm widmeten und ruhten, der Knecht wie das Vieh, ward die Beobachtung des Sabbats ersonnen, für „die noch Unmündigen und den Elementargeistern Untertanen 19“, für „die fleischlich Gesinnten 20“ und die, die nicht über den Leib und den Buchstaben hinaus zu denken vermögen. „Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen eingeborenen Sohn, Mensch geworden aus dem Weibe, Untertan dem Gesetze, um die, die unter dem Gesetze standen, zu erlösen, damit wir als Kinder angenommen würden 21.“ Denn uns „allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, [uns,] die an ihn glauben 22“. Daher sind wir nicht mehr Knechte, sondern Söhne 23, nicht mehr „unter dem Gesetze, sondern unter der Gnade 24“. Wir dienen nicht mehr zeitweilig dem Herrn aus Furcht, sondern wir S. 251 müssen die ganze Lebenszeit ihm weihen, wir lassen den Knecht, ich meine den Zorn und die Begierde, immerdar von der Sünde ruhen und bei Gott feiern, all unsere Begierde richten wir immerdar auf Gott, den Zorn aber waffnen wir gegen die Feinde Gottes und ebenso lassen wir das Lasttier, d. h. den Leib, vom Knechtesdienst der Sünde ruhen und treiben es an, den göttlichen Geboten zu gehorchen.
Dies befiehlt uns das geistige Gesetz Christi 25, und die dieses beobachten, sind über das mosaische Gesetz erhaben. Denn als das Vollendete gekommen, hat das Stückwerk aufgehört 26, und als die Hülle des Gesetzes oder der Vorhang durch die Kreuzigung des Heilands zerriß 27, und der Geist in feurigen Zungen aufleuchtete 28, ward der Buchstabe abgetan, das Körperliche beendet, das Gesetz der Knechtschaft erfüllt und „das Gesetz der Freiheit 29“ uns geschenkt. Und wir feiern die vollkommene Ruhe der menschlichen Natur, ich meine den Tag der Auferstehung, an dem uns der Herr Jesus, „der Führer zum Leben und Heiland 30“, in das Erbteil eingeführt, das denen verheißen ist, die auf geistige Weise Gott dienen, in das er selbst als unser Vorläufer eingegangen 31, als er von den Toten auferstanden. Es öffneten sich ihm die Himmelspforten, und er setzte sich leibhaftig zur Rechten Gottes 32. Dahin werden auch die kommen, die das geistige Gesetz beobachten.
Uns also, die wir nach dem Geiste und nicht nach dem Buchstaben wandeln 33, kommt die völlige Ablegung des Fleischlichen, der geistige Gottesdienst und die Verbindung mit Gott zu. Beschneidung ist das Ablegen der körperlichen Lust und des Überflüssigen und nicht S. 252 Notwendigen. Vorhaut ist nämlich nichts anderes als die überflüssige Haut eines wollüstigen Gliedes. Jede Lust jedoch, die nicht aus Gott und in Gott ist, ist eine überflüssige Lust, deren Sinnbild die Vorhaut ist. Sabbat aber ist die Ruhe von der Sünde. Daher sind beide (═ Beschneidung und Sabbat) eines, und so bewirken beide zusammen, wenn sie von den „Geistigen“ beobachtet werden, nicht die mindeste Ungesetzlichkeit.
Ferner muß man wissen, daß die Siebenzahl die ganze gegenwärtige Zeit bedeutet. So sagt der hochweise Salomon, man solle unter sieben und wohl auch unter acht austeilen 34. Und der göttlich redende David sang, da er für die Oktav 35 Psalmen machte, von der Wiederherstellung, die nach der Auferstehung von den Toten kommen wird. Als das Gesetz befahl, am siebenten Tage sich vom Körperlichen zu enthalten und dem Geistigen zu obliegen, zeigte es dem wahren Israel, das befähigt ist, Gott zu sehen, auf mystische Weise [die Pflicht] an, die ganze Zeit sich Gott zu weihen und sich über das Körperliche zu erheben.
Gen. 2, 2; Hebr. 4, 4. ↩
Exod. 13, 6; Num. 15, 35. ↩
1 Kor. 2, 13. 15; 3, 1; 14, 37; Gal. 6, 1. ↩
Exod. 20, 10; Deut. 5, 14. ↩
Sprichw. 12, 10. ↩
Eph. 5, 19; Kol. 3, 16. ↩
2 Tim. 3, 16. ↩
Vgl. 1 Tim. 1, 9. ↩
Exod. 24, 18; 34, 28; Deut. 9, 18. ↩
Judith 8, 6. ↩
3 Kön. 19, 8 [1 Kön. nach neuerer Zählart]. ↩
3 Kön. 19, 9 ff. [1 Kön. nach neuerer Zählart]. ↩
Dan. 10, 2 f. ↩
Gen. 17, 12; Lev. 12, 3. ↩
Das Fasten am Versöhnungstag. Lev. 23, 27 ff. ↩
Matth. 12, 5. ↩
Vgl. ebd. [Matth.] 12, 11. ↩
Jos. Kap. 6. ↩
Gal. 4, 3. ↩
1 Kor. 3, 3. ↩
Gal. 4, 4 f. ↩
Joh. 1, 12. ↩
Vgl. Gal. 4, 7. ↩
Röm. 6, 14 f. ↩
Vgl. Röm. 7, 14; Gal. 6, 2. ↩
Vgl. 1 Kor. 13, 10. ↩
Vgl. Matth. 27, 51; Mark. 15, 38; Luk. 23, 45. ↩
Apg. 2, 3. ↩
Jak. 1, 25; 2, 12. ↩
Apg. 3, 15; vgl. 5, 31. ↩
Vgl. Hebr. 6, 20. ↩
Mark. 16, 19; Kol. 3, 1; Hebr. 10, 12. ↩
Gal. 5, 25; Röm. 2, 29. ↩
Pred. 11, 2. Johannes folgt in der Erklärung dieser Stelle Gregor von Nazianz, Or. 44, 5 (Migne, P. gr. 36, 612 D—613 A). Gregor versteht unter den sieben, an die man austeilen soll, das gegenwärtige Leben, unter den acht das zukünftige. Dann fährt er fort: „Aber auch der große David scheint diesem Tag (═ dem zukünftigen) die Psalmen mit der Überschrift: "Für die Oktav“ (für die acht) zu widmen“ (a. a. O. 613 A). ↩
Ps. 6 und 11 [hebr. Ps. 6 und 12] tragen die rätselhafte Überschrift: „Für die Oktav“. Octava ═ eine bestimmte Tonart oder ein Instrument mit acht Saiten. ↩
