XIX. KAPITEL. Gott ist nicht Urheber der Übel.
1 Man muß wissen, daß die göttliche Schrift die Zulassung Gottes dessen Wirksamkeit zu nennen pflegt. So, wenn der Apostel im Briefe an die Römer sagt: „Oder hat nicht der Töpfer Gewalt über den Ton, um aus derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre, das andere aber zur Unehre zu machen 2?“ Denn er macht sowohl dies wie das, nur er ist der Schöpfer aller Dinge. Aber nicht er selbst macht geehrte oder ungeehrte [Gefäße], sondern der eigene Wille eines jeden. Das erhellt aus dem, was derselbe Apostel im zweiten Briefe an Timotheus sagt: „In einem großen Hause gibt es nicht nur goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene; die einen zur Ehre, die andern zur Unehre. Wenn sich nun jemand von diesen (letzteren) rein hält, so wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, brauchbar für den Herrn, zu jedem guten Werke bereit 3.“ Offenbar geschieht die Reinhaltung freiwillig, denn er sagt: „Wenn jemand sich rein hält.“ Der folgerichtige Gegensatz dazu lautet: Wenn jemand sich nicht rein hält, wird er ein Gefäß zur Unehre sein, unbrauchbar für den Herrn, wert, zerbrochen zu werden. Der vorliegende Ausspruch also, ferner die Stelle: „Gott hat sie alle unter den Ungehorsam beschlossen (gebracht) 4“, ebenso die: „Gott gab ihnen den Geist der Betäubung, Augen, mit denen sie nicht sehen, und Ohren, mit denen sie nicht hören 5“ — dies alles ist nicht im Sinne von göttlicher Wirksamkeit, sondern im Sinne von göttlicher Zulassung zu nehmen, weil der Wille frei und das Gute ohne Zwang ist.
S. 243 Die göttliche Schrift pflegt also seine Zulassung als sein Wirken und Tun zu bezeichnen. Ja, auch wenn sie sagt, „Gott schaffe Übles 6“, und es gebe in einer Stadt kein Übel, das nicht der Herr gemacht 7, stellt sie Gott nicht als Urheber der Übel hin, sondern [sagt so], weil der Name Übel zweideutig ist, zweierlei ausdrückt. Bisweilen bedeutet er nämlich das durch seine Natur Schlechte, was der Tugend und dem Willen Gottes entgegen ist, bisweilen das für unser Empfinden Schlimme und Lästige, d. i. die Trübsale und Mißgeschicke. Diese sind zwar scheinbar schlimm, da sie schmerzlich sind, in Wirklichkeit aber gut. Denn sie gereichen den Einsichtigen zur Bekehrung und Rettung. Diese, sagt die Schrift, geschehen durch Gott.
Man muß jedoch wissen, daß auch an diesen wir schuld sind. Denn aus den freiwilligen Übeln entspringen die unfreiwilligen.
Auch das muß man wissen, daß die Schrift manches, was ausgangsweise gesagt werden sollte, ursachsweise auszudrücken pflegt. So an der Stelle: „Gegen dich allein habe ich gesündigt und Böses vor dir getan, damit du gerecht erscheinst in deinen Worten und siegest, wenn man dich richtet 8.“ Denn der, der gesündigt, hat nicht deshalb gesündigt, damit Gott siege, noch bedurfte Gott unserer Sünde, um dadurch als Sieger zu erscheinen — denn er trägt in unvergleichlicher Weise über alle, auch über die, die nicht sündigen, den Sieg davon, weil er Schöpfer ist und unerfaßbar und ungeschaffen, und die natürliche Herrlichkeit, nicht eine erworbene hat —, nein, weil er, wenn wir sündigen, nicht ungerecht ist, sofern er zürnt, und verzeiht, wenn wir uns bekehren, deshalb zeigt er sich als Sieger über unsere Bosheit. Aber nicht zu diesem Zwecke sündigen wir, sondern die Sache geht eben so aus. Z. B.: Es sitzt jemand an der Arbeit, und ein Freund kommt dazu. Da sagt er: Damit ich heute nichts arbeite, ist der Freund gekommen. Doch der Freund ist nicht gekommen, damit S. 244 er nichts arbeite, sondern es ist eben so geschehen. Weil er mit dem Empfang des Freundes beschäftigt ist, arbeitet er nicht. Es wird auch dieses ausgangsweise gesagt, weil die Dinge einen solchen Ausgang nehmen. Gott will aber nicht allein gerecht sein, sondern [er will], daß alle ihm möglichst ähnlich werden.
