XXV. KAPITEL. Von der Beschneidung.
Die Beschneidung ward vor dem Gesetz dem Abraham nach den Segnungen 1, nach der Verheißung 2 gegeben 3 als ein Zeichen, das ihn und seine Kinder und seine Hausgenossen von den Heiden, mit denen er verkehrte, unterscheiden sollte. Es ist klar: Als Israel vierzig Jahre in der Wüste allein für sich verweilte, ohne mit einem andern Volk in Berührung zu kommen, wurden alle, die in der Wüste geboren wurden, nicht beschnitten. Als aber Josue sie (═ die Israeliten) über den Jordan führte, wurden sie beschnitten, und es entstand ein zweites Gesetz der Beschneidung. Unter Abraham ward nämlich ein Gesetz der Beschneidung gegeben, dann ruhte es in der Wüste vierzig Jahre. Und wiederum zum zweitenmal gab Gott dem Jesus (═ Josue) ein Gesetz der Beschneidung nach dem Übergang über den Jordan, wie im Buche Jesus (═ Josue), des Sohnes Naves, geschrieben steht: „Um diese Zeit S. 257 sprach der Herr zu Jesus (═ Josue): Mache dir steinerne Messer aus hartem Stein und setze dich und beschneide die Söhne Israels zum zweitenmal 4.“ Und kurz darauf: „Zweiundvierzig Jahre lang weilte Israel in der Wüste Madbaritis 5. Darum waren von ihnen (═ den Israeliten) unbeschnitten geblieben die meisten der Kämpfer, die aus Ägypten ausgezogen waren, die den Befehlen Gottes nicht gehorcht, denen er auch erklärt, daß sie das gute Land nicht sehen, das der Herr ihren Vätern zu geben zugeschworen, das Land, das von Milch und Honig fließt. An deren Stelle aber setzte er ihre Söhne, die Jesus (═ Josue) beschnitt, weil sie auf dem Wege nicht beschnitten worden waren 6.“ Die Beschneidung war also ein Zeichen, das Israel von den Heiden schied, mit denen es verkehrte.
Sie war ein Vorbild der Taufe. Denn wie die Beschneidung kein nützliches Glied des Leibes abschneidet, sondern einen unnützen Überfluß, so werden wir durch die heilige Taufe an der Sünde beschnitten. Die Sünde ist aber offenbar gleichsam ein Überfluß von Begierde und kein nützliches Begehren. Es ist ja unmöglich, überhaupt nicht zu begehren oder vollständig ohne Lustgenuß zu sein. Aber das Unnütze der Lust, d. h. die unnütze Begierde und Lust, d. i. die Sünde, welche die heilige Taufe beschneidet, indem sie uns als Zeichen das kostbare Kreuz auf die Stirne gibt, nicht um uns von [andern] Völkern abzusondern — denn alle Völker gelangten zur Taufe und wurden mit dem Zeichen des Kreuzes besiegelt —, sondern um in jedem Volke den Gläubigen vom Ungläubigen zu unterscheiden. Nachdem also die Wahrheit offenbar geworden, ist das Vorbild und der Schatten unnütz. Daher ist jetzt die Beschneidung überflüssig und der heiligen Taufe zuwider. „Denn wer sich beschneiden läßt, ist verpflichtet, das ganze Gesetz zu beobachten 7.“ Der Herr aber ließ sich beschneiden 8, um das Gesetz zu erfüllen 9. Er S. 258 beobachtete das ganze Gesetz und den Sabbat, um das Gesetz zu erfüllen und zu bestätigen 10. Seitdem er aber getauft worden, und der Hl. Geist den Menschen erschienen ist, als er in Gestalt einer Taube auf ihn herabkam 11, seitdem ward der geistige Gottesdienst und Lebenswandel und das Himmelreich verkündet.
Gen. 17, 4 ff. ↩
Ebd. [Gen.] 17, 6. ↩
Ebd. [Gen.] 17, 10 ff. ↩
Jos. 5, 2 nach LXX [Septuaginta]. ↩
Vom hebräischen Midbar ═ die Wüste. ↩
Jos. 5, 5―7 nach LXX [Septuaginta]. ↩
Gal. 5, 3. ↩
Luk. 2, 21. ↩
Vgl. Matth. 5, 17. ↩
Vgl. Matth. 5, 17. ↩
Ebd. [Matth.] 3, 16; Mark. 1, 10; Luk. 3, 22; Joh. 1, 32. ↩
