XXVII. KAPITEL. Von der Auferstehung.
S. 261 Wir glauben auch an eine Auferstehung der Toten. Denn es wird wirklich, ja es wird eine Auferstehung der Toten stattfinden. Reden wir aber von Auferstehung, so meinen wir eine Auferstehung der Leiber. Auferstehung ist ja eine Wiedererstehung dessen, was dahingesunken. Wie wird es also möglich sein, daß die Seelen, die doch unsterblich sind, auferstehen? Definiert man den Tod als eine Trennung der Seele vom Leibe, so ist Auferstehung sicherlich eine Wiederverbindung von Seele und Leib und eine Wiedererstehung des aufgelösten und dahingesunkenen Lebewesens. Der Leib selbst also, der vergeht und sich auflöst, der wird unvergänglich auferstehen 1. Denn der, der am Anfang ihn aus dem Erdenstaub gebildet 2, vermag recht wohl ihn, der nach dem Richterspruch des Schöpfers sich wieder auflöste und zur Erde zurückkehrte, von der er genommen war 3, wiederherzustellen.
Gibt es keine Auferstehung, dann „laßt uns essen und trinken 4“, ein Freuden- und Genußleben führen. Gibt es keine Auferstehung, worin unterscheiden wir uns dann von den Tieren? Gibt es keine Auferstehung, dann laßt uns „die Tiere des Feldes 5“ selig preisen, die ein sorgenfreies Leben führen. Gibt es keine Auferstehung, dann gibt es auch keinen Gott und keine Vorsehung, sondern alles geht und vollzieht sich durch Zufall. Denn siehe, wir sehen, daß sehr viele Gerechte in Armut leben und Unrecht leiden und keine Hilfe im gegenwärtigen Leben erlangen, daß Sünder und Ungerechte aber in Reichtum und jeglicher Üppigkeit schwelgen. Welcher Vernünftige sollte dies für ein Werk „eines gerechten Gerichtes 6“ oder einer weisen S. 262 Vorsehung halten? Es wird also, ja es wird eine Auferstehung stattfinden. Denn Gott ist gerecht, und er wird denen, die bei ihm ausharren, ein Vergelter 7. Hat die Seele allein in den Tugendkämpfen gerungen, dann wird sie auch allein gekrönt werden. Und hätte sie sich allein in den Lüsten gewälzt, dann würde sie mit Recht allein gestraft. Doch da sie ohne den Leib weder der Tugend noch dem Laster nachgegangen, werden mit Recht beide zugleich auch die Vergeltung empfangen.
Es bezeugt aber auch die göttliche Schrift, daß eine Auferstehung der Leiber stattfinden wird. Sagt doch Gott nach der Sintflut zu Noë: „Wie das grüne Kraut gebe ich euch alles. Nur Fleisch, das noch sein Blut in sich hat, sollt ihr nicht essen. Und ich will euer eigenes Blut rächen, an allen Tieren will ich es rächen und an jedem Menschen, auch am Manne, der sein Bruder ist, will ich sein (═ des Menschen) Leben rächen. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch vergossen werden. Denn nach Gottes Bild habe ich den Menschen geschaffen 8.“ Wie wird er das Blut des Menschen an allen Tieren [anders] rächen, als daß er die Leiber der gestorbenen Menschen auferwecken wird? Denn nicht werden für den Menschen die Tiere sterben.
Ferner [sprach er] zu Moses: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs 9.“ Aber „Gott ist kein Gott von Toten“, von solchen, die gestorben sind und nicht mehr sein werden, „sondern von Lebendigen 10“, deren Seelen in seiner Hand leben 11, deren Leiber aber durch die Auferstehung wieder leben werden. Und der Stammvater Gottes, David, sagt zu Gott: „Nimmst du ihren Odem weg, so schwinden sie hin und werden wieder Staub 12.“ Sieh, von den Leibern ist die Rede! Dann fährt er fort: „Sendest du aus deinen Geist, so werden sie geschaffen, und du erneuerst das Angesicht der Erde 13.“
S. 263 Ferner Isaias: „Auferstehen werden die Toten und auferweckt werden, die in den Gräbern sind 14.“ Es ist klar, daß nicht die Seelen, sondern die Leiber in die Gräber gelegt werden.
Und der selige Ezechiel sagt: „Als ich weissagte, siehe, da entstand eine Erderschütterung, und die Gebeine näherten sich, Gebein zu Gebein, ein jedes zu seinem Gelenk. Und ich schaute, und siehe, es entstanden an ihnen Sehnen, und Fleisch wuchs an und legte sich über sie, und die Haut spannte sich darüber 15.“ Dann lehrt er, wie auf Befehl der Geist zurückkehrt 16.
Und der göttliche Daniel sagt: „In jener Zeit wird Michael, der große Fürst, sich erheben, der für die Söhne seines Volkes einsteht. Und es wird eine Zeit der Trübsal sein, eine Trübsal, wie keine gewesen, seitdem ein Volk auf der Erde existiert bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk gerettet werden, ein jeder, von dem sich zeigt, daß er im Buche aufgeschrieben ist. Und viele von denen, die im Erdenstaube schlafen, werden auferweckt werden, die einen zum ewigen Leben, die andern zur ewigen Schmach und Schande. Und die einsichtig waren, werden strahlen wie der Glanz der Himmelsfeste und sie werden unter den vielen Gerechten wie Sterne leuchten auf immer und ewig 17.“ Wenn er sagt: „Viele, die im Erdenstaube schlafen, werden auferweckt werden“, so ist klar, daß er die Auferstehung der Leiber meint. Denn es wird doch wohl niemand behaupten, daß die Seelen im Erdenstaube schlafen.
Aber fürwahr, auch der Herr lehrt in den heiligen Evangelien sehr deutlich die Auferstehung der Leiber. Denn er sagt: „Die in den Gräbern sind, werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und es werden [aus den Gräbern] hervorkommen, die das Gute getan, zur Auferstehung zum Leben, die aber das Schlechte getrieben, zur Auferstehung zum Gericht 18.“ Kein S. 264 Vernünftiger aber dürfte je sagen, in den Gräbern seien die Seelen.
Doch nicht bloß mit Worten, sondern auch durch die Tat hat er die Auferstehung der Leiber gelehrt. Erstens hat er den Lazarus erweckt 19, der schon vier Tage lag und bereits in Verwesung überging und roch 20. Denn nicht eine des Leibes beraubte Seele, sondern einen Leib mit der Seele, und keinen andern [Leib], sondern den verwesenden selbst hat er erweckt. Denn wie wäre es möglich gewesen, daß man die Auferstehung des Gestorbenen erkannt oder geglaubt hätte, ohne daß die charakteristischen Eigentümlichkeiten diese bestätigt? Er erweckte jedoch den Lazarus zum Erweise seiner Gottheit und zur Beglaubigung seiner wie unserer Auferstehung. Er (═ Lazarus) mußte wieder in den Tod zurückkehren. Der Herr selbst aber ist der Erstling der vollkommenen, dem Tode nicht mehr unterliegenden Auferstehung geworden. Darum sagte auch der göttliche Apostel Paulus: „Wenn Tote nicht erweckt werden, ist auch Christus nicht erweckt worden. Ist aber Christus nicht erweckt worden, dann ist euer Glaube vergeblich, und wir sind noch in unsern Sünden 21“, und: „Weil Christus erweckt worden ist [und zwar] als Erstling der Entschlafenen 22“, und: „Erstgeborener von den Toten 23“, und wiederum: „Denn wenn wir glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird ja auch Gott die, die durch Jesus entschlafen sind, mit ihm herbeiführen 24.“ „So“, sagte er; nämlich wie der Herr auferstanden ist.
Daß aber die Auferstehung des Herrn eine Vereinigung des unsterblich gewordenen Leibes und der Seele war — diese waren ja getrennt —, ist klar. Denn er sagte: „Zerstöret diesen Tempel, und in drei Tagen werde ich ihn [wieder] aufrichten 25.“ Ein glaubwürdiger Zeuge dafür, daß er von seinem Leibe sprach, ist das heilige Evangelium. „Rühret mich an und sehet“, S. 265 sprach der Herr zu seinen Jüngern, die einen Geist zu sehen meinten 26, „daß ich es bin“ und mich nicht verwandelt habe 27. „Denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, daß ich habe 28.“ „Und als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände 29“ und die Seite und bot sie Thomas zum Betasten hin 30. Genügt das nicht, um die Auferstehung der Leiber zu beglaubigen?
Wiederum sagt der göttliche Apostel: „Denn dieses Vergängliche muß Unvergänglichkeit anziehen, und dieses Sterbliche muß Unsterblichkeit anziehen 31.“ Und wiederum: „Gesät wird in Vergänglichkeit, erweckt in Unvergänglichkeit. Gesät wird in Schwachheit, erweckt in Kraft; gesät wird in Unehre, erweckt in Herrlichkeit. Gesät wird ein seelischer Leib“, d. h. ein grober und sterblicher, „erweckt ein geistiger Leib 32“, wie der Leib des Herrn nach der Auferstehung, der durch verschlossene Türe ging 33, frei von Ermüdung war und nicht der Nahrung, des Schlafes und Trankes bedurfte. Denn der Herr sagt: „Sie werden sein wie die Engel Gottes 34.“ Da gibt es kein Heiraten 35 und Kindergebären mehr. Daher sagt der göttliche Apostel: „Unser Staat (unsere Heimat) ist im Himmel, von wo wir auch als Heiland S. 266 den Herrn Jesus erwarten, der unsern Niedrigkeitsleib verwandeln wird, daß er seinem Herrlichkeitsleibe gleichgestaltet werde 36.“ Er meinte nicht die Umwandlung in eine andere Form — das sei ferne! —, sondern vielmehr den Übergang aus Vergänglichkeit in Unvergänglichkeit.
„Aber [da] wird einer sagen: Wie werden [denn] die Toten erweckt 37?“ O des Unglaubens! O des Unverstandes! Er, der durch bloßen Willen Staub in einen Leib verwandelt, der bestimmt, daß ein kleiner Samentropfen im Mutterschoße wachse und dies vielgestaltige und vielgliedrige Werkzeug des Leibes zustande bringe, wird er nicht vielmehr den schon gewesenen und hingeschwundenen [Leib] durch seinen bloßen Willen wiederherstellen [können]? „Wie ist aber der Leib beschaffen, mit dem sie kommen? O Tor 38!“ Wenn deine Verhärtung dich den Worten Gottes nicht glauben läßt, so glaube doch wenigstens seinen Werken 39! Denn „was du säst, wird nicht lebendig gemacht, wenn es nicht gestorben ist. Und bezüglich dessen, was du säst, [gilt]: Du säst nicht den in der Zukunft werdenden Leib, sondern ein nacktes Korn, z. B. vom Weizen oder irgendeiner der übrigen [Arten]. Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er es gewollt hat, und [zwar] einem jeden der Samen einen besonderen Leib 40.“ Betrachte also die in Furchen wie in Gräbern vergrabenen Samen! Wer ist es, der ihnen Wurzeln, Rohr, Blätter und Ähren und die feinsten Halme gibt? [Ist es] nicht der Schöpfer aller Dinge? Nicht der Befehl dessen, der alles gefertigt? Glaube daher ebenso, daß auch die Auferstehung der Toten durch göttlichen Willen und Wink stattfinden wird. Denn als Begleiter des Willens hat er (═ der göttliche Wink) die Macht.
Wir werden also auferstehen: Die Seelen werden sich wieder mit den Leibern vereinigen, die die S. 267 Unvergänglichkeit angezogen und die Vergänglichkeit ausgezogen haben, und wir werden vor den furchtbaren Richterstuhl Christi gestellt werden 41. Und es werden der Teufel und seine Dämonen und sein Mensch, d. h. der Antichrist, und die Gottlosen und die Sünder dem ewigen Feuer übergeben werden 42, nicht einem materiellen, wie es das unsrige ist, sondern einem, dessen Beschaffenheit nur Gott kennt. Die aber das Gute getan 43, „werden leuchten wie die Sonne 44“ mit den Engeln im ewigen Leben, mit unserm Herrn Jesus Christus, und sie werden ihn sehen immerdar und gesehen werden und unaufhörliche Freude von ihm ernten und ihn loben mit dem Vater und dem Hl. Geiste ohn’ Ende in alle Ewigkeit. Amen.
Vgl. 1 Kor. 15, 42. ↩
Gen. 2, 7. ↩
Vgl. ebd. [Gen.] 3, 19; Pred. 12, 7. ↩
1 Kor. 15, 32; Is. 22, 13. ↩
Job 39, 15; Ps. 103, 11 [hebr. Ps. 104, 11]; Is. 43, 20; 56, 9; Jer. 34, 6 nach LXX, 27, 6 nach der Vulgata; Os. 2, 12. 18; 13, 8. ↩
Röm. 2, 5; vgl. 2 Thess. 1, 5. ↩
Vgl. Hebr. 11, 6. ↩
Gen. 9, 3―6. ↩
Exod. 3, 6; Matth. 22, 32; Mark. 12, 26; vgl. Luk. 20, 37. ↩
Matth. 22, 32; Mark. 12, 27; Luk. 20, 38. ↩
Vgl. Weish. 3, 1. ↩
Ps. 103, 29 [hebr. Ps. 104, 29]. ↩
Ebd. [Ps.] 103, 30 [hebr. Ps. 104, 30]. ↩
Is. 26, 19 nach LXX [Septuaginta]. ↩
Ez. 37, 7 f. ↩
Ebd. [Ez.] 37, 9. ↩
Dan. 12, 1―3 nach LXX [Septuaginta]. ↩
Joh. 5, 28 f. ↩
Joh. 11, 38―44. ↩
Ebd. [Joh.] 11, 39. ↩
1 Kor. 15, 16 f. ↩
Ebd. [1 Kor.] 15, 20. ↩
Kol. 1, 18. ↩
1 Thess. 4, 14. ↩
Joh. 2, 19. ↩
Luk. 24, 37. ↩
Nach Migne, P. gr. 94, 1224 (13) fügen manche Väter bei Zitation von Luk. 24, 39 nach den Worten: „daß ich es bin“ hinzu: „und mich nicht verwandelt habe“. Athanasius (Epist. ad Epictet. n. 7) bemerkt zu dieser Stelle, die er ohne den letzteren Zusatz anführt, folgendes: „Damit können außerdem auch die widerlegt werden, die zur Behauptung sich erdreisten, der Herr habe sich in Fleisch und Bein verwandelt. Denn er sagt nicht: Wie ihr seht, daß ich Fleisch und Bein bin, sondern habe; damit man nicht annehme, der Logos selbst habe sich in dieselben verwandelt, sondern damit man glaube, daß er dieselben sowohl vor dem Tode als auch nach der Auferstehung gehabt habe“ (Deutsch übersetzt von J. Lippl in der Bibliothek der Kirchenväter: „Des heiligen Athanasius vier Reden gegen die Arianer, vier Briefe an Serapion, Brief an Epiktet“, Kempten-München 1913, S. 512). ↩
Luk. 24, 39. ↩
Ebd. [Luk.] 24, 40. ↩
Joh. 20, 27. ↩
1 Kor. 15, 53. ↩
1 Kor. 15, 42―44. ↩
Joh. 20, 26. ↩
Mark. 12, 25. ↩
Ebd. [Mark. 12, 25]. ↩
Phil. 3, 20 f. ↩
1 Kor. 15, 35. ↩
Ebd. [1 Kor.] 15, 35 f. ↩
Vgl. Joh. 5, 47; 10, 38. ↩
1 Kor. 15, 36―38. ↩
Vgl. Röm. 14, 10; 2 Kor. 5, 10. ↩
Matth. 25, 41. ↩
Joh. 5, 29. ↩
Matth. 13, 43. ↩
