XII. KAPITEL. Von der Anbetung gegen Sonnenaufgang.
Nicht zufällig und grundlos beten wir gegen Aufgang an. Nein. Weil wir aus einer sichtbaren und unsichtbaren oder geistigen und sinnlichen Natur zusammengesetzt sind, bringen wir dem Schöpfer auch eine doppelte Anbetung dar, gleichwie wir sowohl mit dem Geist als mit den leiblichen Lippen psallieren, mit Wasser und Geist getauft werden und uns auf doppelte Weise mit dem Herrn vereinigen, indem wir an den Mysterien (Sakramenten) und an der Gnade des Geistes teilhaben.
Weil Gott ein geistiges Licht 1 ist, und Christus in den Schriften „Sonne der Gerechtigkeit 2“ und „Aufgang 3“ heißt, darum gilt es, ihm den Aufgang zur S. 207 Anbetung zu weihen. Denn alles Schöne muß man Gott weihen. Durch ihn ist alles Gute gut. Es sagt auch der göttliche David: „Ihr Reiche der Erde, singet Gott, lobsinget dem Herrn, der über dem höchsten Himmel einherfährt gegen Aufgang 4.“ Ferner sagt die Hl. Schrift: „Gott hatte einen Garten gepflanzt, in Eden gegen Aufgang; dorthin versetzte er den Menschen, den er gebildet 5.“ Nach der Übertretung vertrieb er ihn 6 und siedelte ihn gegenüber dem Garten der Wonne an, natürlich gegen Untergang. Wir suchen also das alte Vaterland und blicken zu ihm auf, wenn wir Gott anbeten. Auch das mosaische Zelt hatte den Vorhang und den Sühnedeckel [der Bundeslade] gegen Aufgang 7. Der Stamm Juda schlug sein Lager gegen Aufgang 8 auf, da er einen Ehrenvorzug besaß. In dem berühmten salomonischen Tempel war die Pforte des Herrn gegen Aufgang gelegen. Ja, auch der Herr sah gegen Untergang, als er am Kreuze war, und so sehen wir auf ihn hin und beten an. Und als er [in den Himmel] aufgenommen wurde, schwebte er gegen Aufgang, und so beteten ihn die Apostel an, und „er wird genau so wiederkommen, wie sie ihn zum Himmel hinauffahren sahen 9“, wie der Herr selbst sagte: „Gleichwie der Blitz gegen Aufgang ausgeht und bis Untergang leuchtet, so wird es mit der Ankunft des Menschensohnes sein 10.“ Darum beten wir, weil wir ihn erwarten, gegen Aufgang an. Diese Überlieferung der Apostel ist nicht aufgeschrieben. Denn vieles haben sie uns ungeschrieben überliefert.
