7.
In der Genesis spricht das göttliche Wort: „Und dem Jakob gaben sie die fremden Götter, die in ihrem Besitze waren, und die Ohrringe an ihren Ohren. Und Jakob verbarg sie unter der Terebinthe, die in Sichern war, und sie sind verloren bis auf den heutigen Tag“1 . Ebenso heißt es am Schlusse des Deuteronomiums: „Und es starb Moses, der Knecht des Herrn, in Moab gemäß dem Worte Gottes, und man begrub ihn zu Geth, nahe beim Hause Phegors, und niemand weiß sein Grab bis auf den heutigen Tag“2 . Unter dem heutigen Tag ist sicher jene Zeit zu verstehen, zu welcher diese Geschichte abgefaßt worden ist, wobei es sich gleich bleibt, ob man Moses für den Verfasser des Pentateuches oder Esdras für den Wiederhersteller des Werkes ansieht3 . Augenblicklich handelt es sich um die Frage, ob sich der Ausdruck „bis auf den heutigen Tag“ auf S. 268jenen Tag bezieht, an welchem die Bücher herausgegeben oder geschrieben worden sind. Er möge uns den Nachweis erbringen, daß man seit jenem Tage, nachdem bis auf unsere Zeit so viele Jahre dahingegangen sind, die unter der Terebinthe vergrabenen Götzenbilder wieder aufgefunden, oder daß man des Moses Grabentdeckt hat, da er so hartnäckig behauptet, nach dem durch „donec“ und „usque“ bezeichneten Zeitpunkte beginne das, was solange hinausgeschoben worden war, bis der mit „usque“ und „donec“ angedeutete Moment eintrat. Er täte gut daran, mehr auf die Ausdrucksweise der Heiligen Schrift zu achten und mit mir in bezug auf den strittigen Punkt der Meinung zu werden, daß dasjenige, worüber man zweifelhaft sein könnte, wenn es eben nicht geschrieben stände, ganz klar ausgedrückt ist, daß aber das übrige4 unserer Deutung überlassen wird. Denn wenn zu einer Zeit, wo die Erinnerung noch lebendig war und des Moses Zeitgenossen noch lebten, die Kenntnis seiner Begräbnisstätte verloren gehen konnte, dann mußte dies erst recht der Fall sein, nachdem so viele Jahrhunderte verflossen waren. Entsprechend ist auch der von Joseph handelnde Passus zu verstehen. Der Evangelist hat auf den Umstand hingewiesen, der zum Anstoß hätte werden können [und hat deshalb mitgeteilt], Maria sei von ihrem Manne bis zur Geburt nicht erkannt worden. Daraus sollten wir erst recht erkennen, daß sie auch nach der Geburt nicht erkannt worden ist, nachdem er Enthaltsamkeit geübt hatte zu einer Zeit, in welcher in seiner Seele Zweifel über das ihm zuteil gewordene Gesicht hätten aufsteigen können.
Gen. 35, 4 nach LXX. ↩
Deut. 34, 5 f. ↩
Aus dem Zusammenhang ergibt sich nicht, wie Hieronymus sich die Bemühungen des Esdras [instauratio] um den Pentateuch vorstellt. Auch sonst kommt er nirgendwo in seinen Schriften auf diese Frage zurück. Er ist der erste, der Esdras mit dem Pentateuoh in Zusammenhang bringt. ↩
d. h. das, was zweifelhaft ist ↩
