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Darauf habe ich kurz zu erwidern, daß die Worte „cognoscere“[erkennen] und „usque“[bis] in der Heiligen Schrift in doppelter Bedeutung vorkommen. Wenn geschrieben steht „erkannte“, so hat Helvidius selbst dargelegt, daß dies vom ehelichen Akte zu verstehen ist, und niemand bezweifelt, daß auch oft die geistige Tätigkeit damit gemeint sein kann, z. B.: „Der Knabe Jesus blieb in Jerusalem zurück, ohne daß seine Eltern es erkannten“1 . Nun bleibt der Nachweis zu führen, daß er, wie er in dem einen Falle dem Schriftbrauche S. 266gefolgt ist, im anderen, wo es sich um „donec“ handelt, durch denselben Schriftbrauch widerlegt wird. Bei dem Gebrauche von „donec“ handelt es sich nach seiner eigenen Aussage um einen bestimmten Zeitpunkt, oft aber auch um einen unbestimmten. Dies ist der Fall z. B. dort, wo Gott nach dem Propheten zu einigen spricht: „Ich bin, ich bin, und bis ihr alt werdet, bin ich“2 . Hat vielleicht Gott, nachdem jene alt geworden waren, aufgehört zu existieren? Und der Erlöser spricht im Evangelium zu den Aposteln: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“3 . Der Herr wird also nach dem Ende der Welt von seinen Jüngern scheiden, und wann werden sie denn auf den zwölf Thronen die zwölf Stämme Israels richten?4 Werden sie um die Gesellschaft des Herrn betrogen werden? Auch der Apostel Paulus schreibt an die Korinther: „Der Erstling ist Christus; dann [kommen jene], welche Christi Anhänger sind und an seine Ankunft geglaubt haben. Dann ist das Ende, wann er das Reich Gott und dem Vater übergeben und jede Herrschaft, jede Gewalt und jede Kraft zerstören wird. Denn jener muß herrschen, bis er alle seine Feinde unter seine Füße legt. Alles hat er nämlich seinen Füßen unterworfen“5 . Mag dies immerhin von einem Menschen gesagt sein; ich leugne gar nicht, daß es sich auf den bezieht, der am Kreuze gelitten hat und dem später zur Rechten sein Platz angewiesen wurde. Was heißt nun dies: „Denn jener muß herrschen, bis er alle seine Feinde unter seine Füße legt“? Soll der Herr so lange herrschen, bis seine Feinde anfangen, unter seinen Füßen zu liegen, und wenn sie unter seinen Füßen liegen, soll er dann aufhören zu herrschen, während doch gerade dann seine Herrschaft so recht beginnt, wenn die Feinde angefangen haben, unter seinen Füßen zu liegen? Auch Daniel kann angeführt werden, der im vierten Stufenpsalm sagt: „Wie die Augen der Magd S. 267auf die Hände ihrer Herrin, so richten sich unsere Augen auf den Herrn, unsern Gott, bis er sich unser erbarmt“6 . Also wird der Prophet so lange die Augen auf den Herrn richten, bis er Barmherzigkeit erlangt, und wenn er Barmherzigkeit erlangt hat, wird er dann die Augen zur Erde drehen? Er spricht doch an einer anderen Stelle: „Meine Augen schmachten nach Deinem Heile und nach dem Worte Deiner Gerechtigkeit“7 . Außer den angeführten könnte ich noch unzählige Beispiele vorbringen und die Kühnheit eines jeden, der noch weiter zum Widerspruche herausfordert, in eine Wolke von Zeugnissen einhüllen. Doch will ich mich mit noch einigen wenigen begnügen, damit der Leser sich selbst ähnliche Schriftstellen aufsuchen kann.
