8.
Zum Schlusse untersuche ich die Frage, warum Joseph sich bis zum Tage der Geburt enthalten hat. Natürlich wird Helvidius antworten: "Weil er das Wort des Engels gehört hat: Was aus ihr geboren wird, ist vom Heiligen Geiste"1 . Dagegen wende ich ein: "Er hat sicherlich auch das Wort vernommen: Joseph, S. 269Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Gattin, zu dir zu nehmen"2 . Es war ihm verboten worden, sie zu entlassen und wie eine ehebrecherische Gattin zu behandeln. Oder ist er etwa gar zu der Zeit gehindert worden, mit der Gattin zusammenzukommen, als er die Mahnung erhielt, sich nicht von ihr zu trennen? Hätte wohl, höre ich Helvidius antworten, ein gerechter Mann an eheliche Beiwohnung denken können, nachdem er erfahren halte, daß sie den Sohn Gottes in ihrem Schoße trug? Nun gut! Wer also einem Traumgesichte soviel Glauben schenkt, daß er es nicht wagt, seine Gattin zu berühren, sollte der sich erkühnt haben, dem Tempel Gottes, der Wohnung des Heiligen Geistes, der Mutter seines Herrn sich zu nahen, nachdem er aus dem Munde der Hirten gehört hatte, der Engel des Herrn sei vom Himmel gekommen und habe zu ihnen gesprochen: "Fürchtet euch nicht; seht, ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volke zuteil werden wird; denn heute ist euch in der Stadt Davids der Erlöser geboren, welcher ist Christus, der Herr"3 , nachdem er erfahren hatte, daß vereint mit diesem Engel die himmlischen Heerscharen den Lobgesang anstimmten: "Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede den Menschen, die eines guten Willens sind"?4 Das hätte Joseph tun sollen, vor dessen Augen der gerechte Simeon das Kind auf den Armen hielt und feierlich anhub: "Nun entlassest Du Deinen Knecht, o Herr, nach Deinem Worte in Frieden; denn meine Augen haben Dein Heil gesehen"5 , Joseph, der die Prophetin Anna, die Weisen, den Stern, Herodes und die Engel geschaut hatte6 , Joseph, der Zeuge gewesen war so vieler wunderbarer Vorgänge? Und sicherlich bewahrte Maria alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen7 . Es wäre eine Frechheit zu behaupten, Joseph habe von diesen Begebenheiten nichts gewußt, da doch Lukas sagt: "Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über die Dinge, die von ihm ausgesagt S. 270wurden8 . Natürlich wirst du bei deiner einzigartigen Unverschämtheit einwenden, hier liege in den griechischen Handschriften eine Fälschung vor, welche nicht nur alle griechischen Autoren in ihren Büchern stehen gelassen, sondern auch einige Lateiner aus dem Griechischen übernommen haben. Doch hat es jetzt keinen Zweck, über die Verschiedenheit der Textausgaben zu streiten, da unterdessen das ganze Alte und Neue Testament ins Lateinische übertragen worden ist, und man muß annehmen, daß das Wasser der Quelle reiner fließt als das des Flusses.
