Text
Hieronymus an den wahrhaft heiligen, hochzuverehrenden und teuren Bruder Riparius.
Es bereitete mir eine große Freude, als der heilige und ehrwürdige Priester Innocentius 1 hier eintraf und mir auch Deinen Brief überbrachte. Auch aus seinem Munde konnte ich erfahren, welch großer Eifer im Dienste des Glaubens Dich beseelt. Aus den Wutausbrüchen eines Julian und seiner Genossen, 2 aus den Torheiten des Pelagius und aus dem Geschwätz des Caelestius brauchst Du Dir nicht viel zu machen. Der eine lästert Gott mit einem Wortschwall, der wenigstens sein Eigentum ist, während der andere mit erbettelten Phrasen hausieren geht. Ihre Schriften, die ich übrigens nicht kenne, berühren mich nicht. 3 Zwar weiß ich, daß der Wille dieser Gotteslästerer durch und durch schlecht ist; aber es fehlt ihnen an der Kraft des Geistes, an Klugheit und Geschick im Reden. Vor allen Dingen ermangeln sie der Kenntnis der Hl. Schrift, die ja die Stütze unseres Glaubens ist, die S. b137 Rechtsgrundlage für die kirchlichen Entscheidungen abgibt und der Lehre der Vorfahren ihr Ansehen verleiht. Immerhin, sollte mir etwas, was sie schreiben, unter die Finger kommen, so glaube ich, daß ein Diktat, die Arbeit einer Nacht, hinreichen dürfte, um ihre mit vieler Mühe ausgearbeiteten Bände zu widerlegen. Dabei habe ich nicht etwa eine gelehrte Abfassung im Auge, sondern ich möchte sie unter gleichen Bedingungen, d.h. vom Standpunkte ihrer Dummheit aus, mit der ihnen eigenen Geschwätzigkeit abtun. Wenn Du mich aber zum Schreiben aufforderst, so legst Du einem alten Eselchen eine zu große Last auf. Denn die Schärfe des Geistes und die Kraft des Körpers sind von mir gewichen infolge meiner ständigen Erkrankung. Die Gnade Christi, unseres Gottes, erhalte Dich gesund! Mir sichere sie ein gütiges Andenken bei Dir, wahrhaft heiliger Herr und teuerster Bruder!
Innocentius ist der afrikanische Priester, der auch die ep. 143 an Augustin besorgte. Auf dieser Reise dürfte er auch vorliegenden Brief mitgenommen haben, zumal der Inhalt der beiden Schreiben sich vielfach berührt. ↩
Bischof Julian von Aeclanum war seit 418 der eigentliche Führer der pelagianischen Partei, nachdem er mit achtzehn anderen Bischöfen die von Papst Zosimus geforderte Unterschrift unter dessen epistula tractoria verweigert hatte (vgl. B. IV 516 ff.). ↩
Sollte dem greisen Hieronymus bei diesem offenbar zu gleicher Zeit wie ep. 143 geschriebenen Brief nicht eine Gedankenverwirrung unterlaufen sein? Er spricht hier zwar von Pelagius und Caelestius, seine Gedanken weilen aber augenscheinlich bei Anianus von Celeda (vgl. ep. 143, 2; s. S. 471). Auch kann Hieronymus zum mindesten von Pelagius nicht sagen, daß er dessen Schriften nicht kenne. Hat er doch in seinem Dialog gegen die Pelagianer den verlorengegangenen eclogarum liber des Pelagius ausgiebig benutzt. ↩
