10. Gegenstand seiner Forderung: „Verherrliche den Sohn”.
Er sagt: „Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche!” Nicht sagt er, der Tag oder die Zeit, sondern die Stunde sei gekommen. Die umfaßt nur einen Teil des Tages.
Aber welche Stunde wird es denn sein? Jene doch, von der er gesprochen hat, als er die Jünger in der Zeit S. 148 seines Leidens mit Zuversicht zu erfüllen suchte: „Seht, die Stunde ist gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht werde.”1 Das also ist die Stunde, in der er die Verherrlichung vom Vater erbittet, um selbst den Vater zu verherrlichen.
Doch was bedeutet das? Er, der verherrlichen will, erwartet, verherrlicht zu werden; und er, der Ehre erweisen will, erbittet (sie) und bedarf dessen, was er hinwiederum gewähren wird? Und hierhin mögen die Überklugen der Welt und die Weisen Griechenlands zusammenströmen und mit ihren (Trug-) schlüssen die Wahrheit einfangen. Wieso und woher und warum, mögen sie fragen; und wenn sie ratlos dastehen, so mögen sie hören: „daß Gott das Törichte der Welt erwählt hat”.2
Also durch unsere Torheit wollen wir einsehen, was den Weisen der Welt uneinsichtig ist. Der Herr hatte gesagt: „Vater, die Stunde ist gekommen;” auf die Leidensstunde hatte er (damit) hingewiesen; denn davon sprach er in diesem Augenblick. Danach fügte er hinzu: „Verherrliche deinen Sohn!” Doch auf welche Weise sollte der Sohn verherrlicht werden? Denn, geboren von der Jungfrau, war er von der Wiege und Kindheit an bis zum vollen Mannesalter3 gekommen; in Schlaf, Hunger, Durst, in Ermüdung und Tränen hatte er das Menschenleben erfahren, und noch stand ihm bevor das Bespien- und Gegeißelt- und Gekreuzigtwerden.
Wie also? Uns sollte dieses nur den Menschen in Christus bezeugen. Aber nicht werden wir des Kreuzes wegen bestürzt, nicht geben wir der Geißeln wegen von vornherein uns auf, nicht werden wir des Anspeiens wegen beschmutzt. Der Vater verherrlicht den Sohn. Wie aber? Zuletzt wird er dennoch ans Kreuz geschlagen. Was folgt danach? Die Sonne geht nicht unter, sondern flieht zurück. Was sage ich „flieht zurück”? Sie wurde nicht in eine Wolke hinein verhüllt, sondern ließ ab vom S. 149 Vollziehen ihres Laufes. Und ihren Untergang spürten zugleich mit ihr die übrigen Grundbestandteile der Welt; damit nicht zugleich mit dieser Schandtat irgendein himmlisches Tun sich vollziehe, wurden sie sozusagen durch eine Aufhebung ihrer selbst von dem Zwang eines solchen Dabeiseins ledig.
Doch was tat die Erde? Zur Last des Herrn, der am Kreuze hing, zitterte sie auf, erklärte feierlich, daß sie denjenigen nicht in sich fasse, der dem Tode nahe war. Nehmen Fels und Gestein etwa nicht auch daran teil? Geborsten klaffen sie auf, verlieren ihr Wesen (unspaltbar zu sein), gestehen, daß der in ihnen aufgerissene Sarg unvermögend sei, den Leichnam zu bergen.
