Einleitung
Der im südlichen Gallien beheimatete Priester Vigilantius 1 kam bald nach seiner Priesterweihe im Jahre 395 nach Palästina, wo er bei Hieronymus gastliche Aufnahme fand. Diesem konnte er ein Empfehlungsschreiben des Paulinus von Nola vorweisen. Die Gastfreundschaft wurde schlecht vergolten; denn Vigilantius erhob gegen seinen Gastgeber später den Vorwurf des Origenismus. Dieser Vorwurf berührt insofern eigentümlich, als Vigilantius Hieronymus als Parteigänger des Bischofs Epiphanius, des größten Gegners der origenistischen Irrlehren, an Ort und Stelle hatte kennenlernen müssen. Auch hatte er selbst in Palästina sich durch seine Unterschrift unter ein origenistisches Bekenntnis als Anhänger des Origenes dargetan. Daraus ergibt sich, daß Vigilantius von bescheidener Urteilsfähigkeit sein mußte, wenn nicht eine Bosheit hinter dem ganzen Vorgehen steckte. Eine solche vermutete nachträglich Hieronymus, der Rufin in einer späteren Schrift 2 als Anstifter hinstellte. Aus dem vorliegenden Briefe ergibt sich, daß Vigilantius in Bethlehem wiederholt in Situationen kam, die in ihm einen Stachel gegen Hieronymus zurückließen.
S. b115 Hieronymus behandelt seinen Angreifer in unserem Briefe als einen geistig nicht gerade auf der Höhe stehenden Menschen und fertigt ihn ab, indem er ihn in seinem Verhalten und seinem Können lächerlich macht. Er sieht in ihm den Nichtswisser, der alles besser wissen will. Immerhin geht er auch in Kürze sachlich auf die erhobenen Vorwürfe ein, legt seine Stellung zu Origenes fest und fährt auch eine Reihe theologischer Irrtümer dieses Gelehrten an, die er ablehnt. Etwa zehn Jahre später sah sich Hieronymus veranlaßt, nochmals mit aller Schärfe in einer größeren Schrift gegen Vigilantius vorzugehen, als dieser gewisse kirchliche Lehren und Gebräuche bekämpfte. 3
Die chronologische Einordnung des Briefes bereitet einige Schwierigkeit. Grützmacher kommt zu einem non liquet und verlegt den Brief in die Zeit von 399 bis 403 4 Immerhin hält er Vigilantius für den, der im Abendland als erster die Origenesfrage aufwarf. 5 Für Cavallera handelt es sich in diesem Briefe nur um eine persönliche Angelegenheit, die mit den in der damaligen Zeit auftretenden Auseinandersetzungen über Origenes innerhalb der römischen Krise nichts zu tun habe. Sein ganzer Inhalt beschränke sich auf Vorgänge, die sich in Bethlehem abspielten. Für ihn wurde er geschrieben Ende 395 oder Anfang 396. 6 Cavallera übersieht hierbei, daß die Angriffe erst nach der Abreise des Vigilantius erfolgten, der seine Maulwurfsarbeit im Abendland in Wort und Schrift ausübte. 7 Fest steht, daß der Brief geschrieben ist vor der Übersetzung von περὶ ἀρχῶν durch Hieronymus. Denn vor diesem Briefe hat er nach eigenem Geständnis von Origenes nur übersetzt, was gut war, während er alles Anstößige ausmerzte oder umging. 8 Der Brief muß also vor dem Winter 398/99 verfaßt sein, in dem Hieronymus die genannte Übersetzung anfertigte, die ja gerade die Aufdeckung der irrigen Auffassungen des Origenes S. b116 bezweckte. Wenn er nun das Verhalten des Vigilantius auf eine Intrige Rufins zurückführt — ob mit Recht oder Unrecht, spielt hierbei keine Rolle —, so wäre eine solche erst möglich, nachdem der Streit zwischen beiden Männern von neuem ausgebrochen war. Die Veranlassung dazu bot die Rufinsche Übersetzung von περὶ ἀρχῶν, die bald nach Ostern 398 vollendet war. 9 Auf diesem Wege ergäbe sich das Jahr 398 als Jahr der Niederschrift. 10 Dies Ergebnis würde es zum mindesten zweifelhaft machen, ob des Vigilantius Angriffe rein persönlicher Art waren, wie Cavallera meint, losgelöst von dem zwischen Rom und Bethlehem tobenden Streit um Origenes. Es liegt sehr nahe, daß Vigilantius, der auf der Heimreise Nola in Unteritalien besuchte, auch an Rom nicht vorüberging.
Vgl. BKV XV 293 ff. ↩
Contra Ruf. III 19 (MPL XXIII 492. ↩
Vgl. BKV XV 303 ff. ↩
Gr. I 68. 100. Rufins Apologia in Hieronymum wurde im Jahre 400 geschrieben. Da sie ep. 61 zitiert (I 21), läßt Grützmacher für die Datierung einen zu weiten Spielraum. ↩
Gr. III 30. ↩
Cav. II 45. ↩
Ep. 61, 4. ↩
Ebd. 61, 2. ↩
Ep. 61, 2 weist Hieronymus seinen Gegner auf die Anhänger des Origenes in Ägypten hin, zu denen vor allem der Patriarch Theophilus aus Alexandrien gehörte, der aber 399 seine Stellungnahme änderte und den Origenes samt seinem Anhang aufs schärfste bekämpfte. Dieser Hinweis, der dem Theophilus peinlich sein mußte, war daher im Jahre 399 kaum mehr möglich. ↩
Vgl. Pr. 50 f. ↩
