Einleitung
Ein eigenartiges Brieflein! Papst Damasus hatte Hieronymus den Auftrag gegeben, den lateinischen Text des Neuen Testamentes nach dem griechischen Original zu verbessern. Die Lösung der Aufgabe scheint weit vorangeschritten; denn die angeführten Beispiele sind schon den Paulinen und nicht mehr den Evangelien, mit denen seine Revision begann, entnommen. Hieronymus wehrt sich gegen eine Gruppe von Gegnern, bei der Frauen das große Wort zu führen schienen, 1 gegen den Vorwurf, den althergebrachten Bibeltext zu entstellen. Doch unvermittelt greift der Reformator des christlichen Lebens in Rom, der es von allem heidnischen Beiwerk reinigen will, eine Reihe von Mißbräuchen an, um dann erst zu den textkritischen Fragen zurückzukehren. Wie erklärt sich dies? Offenbar waren die Kreise, die den Asketen treffen wollten, ihn aber auf dem weniger gefährlichen Gebiete der Exegese angriffen, die gleichen. Das hatte er wohl erkannt und daher die doppelte Abwehr. Der Brief ist an Marcella, die auf das stürmische Temperament ihres Freundes mäßigend einwirkte, 2 gerichtet, weil sie, wie aus den zahlreichen Briefen an sie hervorgeht, großes wissenschaftliches Interesse verriet. Dann war sie aber auch bei ihrem Einflusse besonders geeignet, Hieronymus in der römischen Gesellschaft vor den gegen ihn gerichteten Anwürfen in Schutz zu nehmen.
Der Brief ist, wie die meisten an Marcella gerichteten, im Jahre 384 geschrieben, wenn nicht gar 385, bald nach dem Tode des Papstes Damasus, 3 eine Vermutung, welche die Heftigkeit der Angriffe gegen Hieronymus nahelegt.
