1. Pseudoisidorisches Schreiben
Den theuersten und geliebtesten Brüdern, den in den Bötischen1 und Toletanischen Provinzen eingesetzten Bischöfen (sendet) Anterius, Bischof, Gruß im Herrn.
Hütet euch, den Einflüsterungen des „Lügners von Anbeginn" folgend, den breiten Weg des Verderbens zu wandeln, sondern betretet den schmalen Weg der Selbstverleugnung und Tugend. (c. 1.) In Betreff der Veränderung (der Sitze) der Bischöfe, über welche ihr den S. 346 hl. apostolischen Stuhl befragen wolltet, „wisset, daß sie wegen eines allgemeinen Nutzens oder Bedürfnisses vorgenommen werden kann, nicht aber nach dem Belieben oder Anordnung eines Jeden. Petrus, unser heilige Lehrmeister und Apostelfürst, wurde von Antiochien aus Nützlichkeitsgründen nach Rom übersetzt, damit er hier mehr wirken könne. Auch Eusebius 2 ist von einer kleinen Stadt durch apostolische Auctorität nach Alexandrien übersetzt worden. Desgleichen ist Felix von der Stadt, in welcher er, wegen seiner Gelehrsamkeit und Tugend durch [die Auctorität dieses hl. Stuhles und]3den gemeinschaftlichen Entschluß der Bischöfe und übrigen Priester und der Völker nach Ephesus übersetzt worden. Denn von einer Stadt zur andern übergeht nur der und wird von einer kleineren zu einer größeren nur Jener übersetzt, welcher Dieß nicht aus Ehrgeiz oder eigenmächtig thut, sondern nur wer entweder mit Gewalt von seinem Sitze vertrieben und durch die Nothwendigkeit gedrängt wird, zum Nutzen des Ortes oder des Volkes, nicht aus Stolz, sondern in Demuth, weil er von Andern dahin übersetzt und inthronisirt worden ist. Denn sowie die Bischöfe die Gewalt haben, nach der Regel Bischöfe und andere Priester zu ordiniren, so steht ihnen auch, so oft der Nutzen oder die Nothwendigkeit es erfordert, die Gewalt zu, dieselbe in der angegebenen Weise zu übersetzen und zu inthronisiren." 4(https://bkv.unifr.ch/works/266/versions/287/scans/c. 2.) Dieß, obwohl es euch nicht unbekannt war, theilen wir euch mit, damit ihr nicht etwa Schädliches thut und etwas Nützliches unterlasset. (c. 3.) Gott zieht Barmherzigkeit jedem Opfer vor; deßhalb übet Barmherzigkeit beiderseits, indem ihr Völkern, welche einen Bischof nöthig haben, einen gebet, und Bischöfe, die in ihrer Stadt bedrängt werden, in eine andere einsetzet. „Denn S. 347 etwas Anderes ist der Nutzen und die Nothwendigkeit und etwas Anderes die Habsucht und Eigenmächtigkeit und der Eigenwille."5 Folgen Schrifttexte, in welchen zur Gerechtigkeit, Herzenseinfalt und Reinheit ermahnt und vor bösen Reden und Urtheilen gewarnt und die Thorheit Jener gegeißelt wird, die eine ewige Vergeltung leugnen wollen. (c. 4.) „Die Handlungen der Untergebenen werden von uns gerichtet, die unserigen aber richtet Gott."6 „Aus Schuld des Volkes gibt es bisweilen schlechte Bischöfe, damit die noch tiefer fallen, welche ihnen folgen. Wenn das Haupt schwach ist, ermatten auch die übrigen Glieder des Leibes. Die, welche den Wandel und die Sitten der Guten verderben, sind schlechter als Jene, welche Eigenthum und Besitz Anderer rauben.7Jeder hüte sich, eine schalkhafte Zunge oder schalkhafte Ohren zu haben d.h. entweder selbst Andere zu verleumden oder Verleumder (gerne) anzuhören. „„Du saßest, sagt (der Prophet)8und redetest wider deinen Bruder und legtest Fallstricke dem Sohne deiner Mutter."" Mögen Alle Verleumdungen von ihrer Zunge fern halten nnd ihre Reden bewachen und bedenken, daß Alles, was sie über Andere reden, zum Maßstabe ihres eigenen Gerichtes dienen wird. Niemand erzählt dem Etwas gerne, welcher mit Unwillen zuhört. (c. 5.) Ihr Alle, Geliebteste, sollt es euch zur Pflicht machen, nicht nur die Augen, sondern auch die Zunge rein zu bewahren und nie soll, was in des Einen Hause geschieht, das andere durch euch erfahren. Alle sollen die Einfalt der Taube haben, daß sie Niemand hintergehen und die Schlauheit der Schlange, damit sie durch Nachstellungen Anderer nicht getäuscht werden." 9 S. 348 (c. 6.) „Ferne sei es, daß ich etwas Böses über Jene rede,10 welche als Nachfolger des apostolischen Amtes Christi Leib mit heiligem Munde bereiten, durch welche auch wir Christen sind, welche die Schlüssel des Himmelreiches haben und vor dem Tage des Gerichtes richten. Das alte Gesetz sagt zwar: Wer immer den Priestern nicht folgt, wird entweder ausserhalb des Lagers vom Volke gesteinigt ober büßt die Verachtung (der Priester) mit der Enthauptung. Jetzt aber wird der Ungehorsame geistiger Weise enthauptet und nachdem er aus der Kirche ausgestoßen ist, von dem gierigen Rachen der Teufel verschlungen.11 (c. 7.) Alle, die sich Gott zum Antheile erwählt haben, müssen ihm auch ganz, ohne alle Rücksicht auf die Welt, dienen. Darum (es sind viele dießbezügliche Schrifttexte aneinander gereiht) sei aller Zorn und Feindseligkeit ferne von euch, liebet und traget einander in Geduld, fliehet die Werke der Finsterniß und wirket, so lange es Tag ist. Gott aber ist getreu und wird euch trösten und stärken. Ihr aber, die ihr vom Herrn auf die Wache gestellt seid, haltet alles Ärgerniß und alle Bosheit ferne. S. 349
Das heutige Andalusien und Granada. ↩
Eusebius und Felix sind historisch unbekannte Persönlichkeiten. ↩
Zusatz im Decrete Gratians. ↩
1. Decret. cf. C. VII. qu. 1, c. 34. (c. 11. Stat. eccl. ant., c. 1. 2. conc. Sardic. a. 343.) ↩
Gehört zum 1. Decret. ↩
2. Decret. cf. CC. IX. qu. 3, c. 14. (Isid. Sent. 1. 3. c. 42. 38.) ↩
Der Satz: „Die, welche — rauben“ ist auch zum 2. Decrete gezogen. ↩
Ps. 49. (50.) 20. ↩
3. Decret. cf. C. VI. qu. 1, c. 13. (Isid. Sent. III. 38 n. 3—5, oder conc. Aquisgr. a. 816. 1. I. c. 30, , Hieron. ep. ad Nepotian, n. 14. 15. oder conc. Aquisgr. id 1. I. c. 94, Hier. ep. 58. ad Paulin. n. 6. oder id. conc. 1. I. c. 94.) ↩
Nach Gratian: Das wir ... urtheilen. ↩
3. Decret. cf. C. XI. qu. 3, c. 14. (Hier. ep. 14 ad Heliodor. n. 8. oder conc. Aquisgr. a. 816. 1. I. c. 97. ↩
