VIII.
1. Unter allen Völkern herrscht also eine feste Übereinstimmung über das Dasein unsterblicher Götter, mag auch ihr Wesen oder ihr Ursprung noch so ungewiß sein. Daher kann ich es nicht billigen, wenn jemand mit so großer Vermessenheit und so gottloser Aufgeklärtheit auftritt, daß er diese so alte, so nützliche, so heilsame Religion aufzulösen oder zu schwächer trachtet. 2. Mögen auch ein Theodorus von Cyrene S. 147 oder schon vorher Diagoras von Melos, welchem die Alten den Beinamen „Gottesleugner“ gegeben, durch die Leugnung der Götter alle religiöse Scheu, die vorher die Menschheit beherrschte, sowie die Gottesverehrung aufgehoben haben; nie werden sie mit dieser gottlosen Lehre ihrer falschen Philosophie einen Namen und Bedeutung gewinnen. 3. Die Athener haben einen Protagoras von Abdera, welcher mehr mit ruhiger Überlegung, als frivol über die Gottheit sich aussprach, aus ihrem Lande verbannt und seine Schriften in der Volksversammlung verbrannt. Ist es da nicht sehr zu bedauern, wenn Leute -- ihr werdet entschuldigen, wenn ich im Eifer für die übernommene Sache meinen Gefühlen freien Lauf lasse -- ich sage Leute einer bejammernswerten, unerlaubten und verzweifelten Gesellschaft gegen die Götter losziehen? 4. Es sind das Leute, welche aus der untersten Hefe des Volkes Unwissende und leichtgläubige Weiber, die ja schon wegen der Schwäche ihres Geschlechts leicht zu gewinnen sind, sammeln und eine ruchlose Verschwörerbande bilden. Sie verbrüdert sich in nächtlichen Zusammenkünften und bei feierlichem Fasten und unmenschlichen Gelagen nicht etwa durch eine heilige Zeremonie, sondern durch ein unsühnbares Verbrechen, ein duckmäuseriges und lichtscheues Volk, stumm in der Öffentlichkeit, nur in den Winkeln gesprächig. Die Tempel verachten sie als Grabmäler, die Götter verfehmen sie, über die Opfer lachen sie. Sie bemitleiden, selbst bemitleidenswert, wenn man so sagen darf, die Priester, verschmähen Ehrenstellen und Purpurkleider, obwohl sie selbst fast nicht fähig sind, ihre Blöße zu decken. 5. Welch merkwürdige Torheit und unglaubliche Keckheit! Sie machen sich nichts aus gegenwärtigen S. 148 Martern, während sie ungewisse in der Zukunft fürchten. Sie sterben auf Erden ohne Furcht, fürchten aber einen Tod nach dem Tode. So täuscht sie eine Hoffnung hinweg über die Angst und beschwichtigt sie durch den Trostblick auf ein neues Leben.
