6.
Du könntest nun auf eine andere falsche Meinung verfallen und behaupten, im Kampfe gegen die Heiden sei die Verwendung der weltlichen Literatur gestattet, aber in anderen Erörterungen sei sie nicht angängig. Dazu möchte ich bemerken, daß fast alle Bücher aller Schriftsteller, von denen abgesehen, die es mit Epikur halten und nichts mit der Wissenschaft zu tun haben, reichliche Spuren von Weisheit und Gelehrsamkeit aufweisen.
Beim Diktate kommt mir von ungefähr in den Sinn, daß Dir diese Gepflogenheit unserer Wissenschaftler nicht unbekannt sein dürfte. Vielmehr vermute ich, daß Deine Anfrage auf die Anstiftung eines dritten zurückgeht, der vielleicht wegen seiner besonderen Vorliebe für die Geschichte des Sallust ein Calpurnius Lanarius ist. 1 Ihm, dem Zahnlosen, bitte ich, den Rat zu S. b300 erteilen, die Essenden nicht um ihre Zähne zu beneiden. Der blinde Maulwurf möge nicht übersehen, daß andere Leute Ziegenaugen haben. Wie Du siehst, bietet der Stoff noch reichlich Gelegenheit zur Weiterführung des Gegenstandes, aber im Rahmen eines Briefes muß ich zum Abschluß kommen. S. b301
Gemeint ist ohne Zweifel Rufin, der wiederholt mit Sallust und Calpurnius Lanarius in Zusammenhang gebracht wird (vgl. c. Rufin. I 30 — M PL XXIII 441; ep. 102, 3 ad Aug.). Später bezeichnet Hieronymus Rufin ausdrücklich als den Hintermann des Magnus (c. Ruf. I 30). Fest steht, daß Rufin gegen Hieronymus wegen seiner Beschäftigung mit profaner Literatur den Vorwurf des Gelübdebruches erhebt (vgl. Ruf., In Hier. II 6—9; Hier., Contra Ruf. 130 f.). Da Sallusts Historiae fast restlos verlorengegangen sind, läßt sich nicht feststellen, ob Calpurnius Lanarius dort vorkommt. Wohl erwähnt er als Staatsverräter den L. Calpurnius Bestia, der sich von Jugurtha bestechen ließ (Bell. Jugurth. 29). Einen Calpurnius Lanarius kennen Plutarch (Vita Sertorii 7), Cicero (De offic. III 16, 66) und Val. Max. VIII 2, 1). Was von ihm gesagt wird, kann zu Rufin nicht in Beziehung gebracht werden. Vielleicht verwechselt Hieronymus die beiden Calpurnii. ↩
