22. Das Paradies.
Es bleibt uns noch eine, und zwar die letzte Frage zur Erörterung übrig. In den Geschichtswerken lesen wir von zahlreichen Fällen, in denen die Götter ihre Erhabenheit durch Vorbedeutungen, Träume, Göttersprüche, dann auch durch Strafen für Tempelraub gezeigt haben sollen; ich will daher die Erklärung dieser Erscheinung geben, damit nicht auch jetzt noch ein Mensch in die nämlichen Schlingen falle, in die die Alten gefallen sind. Als Gott in seiner erhabenen Allmacht die Welt aus nichts geschaffen und den Himmel mit Lichtern ausgeschmückt, Erde und Meer mit Wesen erfüllt hatte, da gestaltete er den Menschen aus Lehm nach dem Bilde göttlicher Ähnlichkeit, hauchte ihm den Odem des Lebens ein und versetzte ihn ins Paradies, das er mit fruchttragenden Bäumen jeder Art bepflanzt hatte. Dem Menschen befahl er, von einem Baume, an den er die Erkenntnis des Guten und des Bösen geknüpft hatte, nicht zu kosten, mit der Androhung des Todes, wenn er esse, und der Verheißung der Unsterblichkeit, wenn er den Auftrag befolge. Da beneidete die Schlange — es war dies einer von den Dienern Gottes — den Menschen um seine Unsterblichkeit und verlockte ihn durch Arglist zur Übertretung des Gebotes und Gesetzes Gottes. Auf diese Weise gewann zwar der Mensch die Unterscheidung zwischen gut und bös, verlor aber das Leben, das ihm Gott zu immerwährender Dauer verliehen hatte. Den Sünder verstieß Gott aus dem heiligen Orte und verwies ihn auf diese Erde, um in Mühsal sein Brot zu erwerben und Beschwerlichkeiten und Kümmernisse nach Verdienst zu ertragen. Das Paradies selbst umschloß Gott mit einem Wall von Feuer, damit kein Mensch bis zum Tage des Gerichtes S. 152 in jenen Ort immerwährender Glückseligkeit sich einzuschleichen versuchte. Es folgte nun dem Menschen der Tod gemäß dem Ausspruch Gottes; doch fand sein Leben, wenn es auch vorübergehend geworden war, erst in tausend Jahren den Abschluß, und dies war die Dauer des menschlichen Lebens bis zur Zeit der allgemeinen Flut. Nach der Sündflut nahm das Leben der Menschen allmählich ab und sank auf hundertzwanzig Jahre herab. Aber jene Schlange, die von ihren Werken den Namen Teufel (diabolus) , d. h. Verleumder oder Ankläger erhielt, hörte nicht auf, die Nachkommenschaft des Menschen, den sie von Anfang an hintergangen hatte, zu verfolgen. So hauchte sie dem, der zuerst auf der Welt geboren wurde, Mißgunst ein und waffnete ihn zum Mord am Bruder, um von den beiden Erstgeborenen den einen auszutilgen, den anderen zum Brudermörder zu machen. Auch in der Folgezeit ruhte die Schlange nicht, ohne von einem Geschlecht zum anderen den Menschen das Gift der Bosheit ins Herz zu gießen, sie zu verführen und zu verderben und schließlich in einen solchen Abgrund von Verbrechen zu stürzen, daß es selten mehr ein Beispiel der Gerechtigkeit gab und die Menschen nach Art der Ungeheuer lebten. Als Gott dieses sah, schickte er seine Engel, um das Leben der Menschen edler zu gestalten und sie vor allem Übel zu schützen. Diesen gab er den Auftrag, sich der Berührung mit dem Irdischen zu enthalten, damit sie nicht etwa verunreinigt würden und der Auszeichnung der Engel verlustig gingen. Aber auch diese wußte jener tückische Verleumder während ihres Aufenthalts unter den Menschen zu den Vergnügungen zu verlocken, so daß sie sich mit Weibern befleckten1. Auch die Engel traf Gottes Urteilsspruch; sie wurden wegen ihrer Versündigungen ausgestoßen und verloren Namen und Wesensbeschaffenheit der Engel. So wurden sie zum Anhang des Teufels, und um einen Trost für ihr Verderben zu haben, richteten sie ihren Sinn auf das Verderben der Menschen, zu deren Schutz sie gekommen waren.
Eigenartige Auslegung von Gen. 6, 2: Videntes filii Dei filias hominum. ↩
