33. Plato; Zeno.
Der Schüler des Sokrates ist Plato, den Tullius den Gott der Philosophen nennt. Dieser kam zwar allein von allen zu Ergebnissen der philosophischen Forschung, die ihn der Wahrheit näher führten. Weil er aber Gott nicht kannte, so griff er in vielen Stücken in dem Grade fehl, daß niemand verderblicher geirrt hat; so vor allem, indem er in den Büchern über den Staat verlangt hat, daß alles Gemeingut aller sein solle. Bei Hab und Gut mag das noch angehen, obschon es ungerecht ist; denn es darf doch niemand zum Nachteil dienen, wenn er aus eigener Rührigkeit mehr besitzt, und niemand zum Vorteil, wenn er aus eigener Schuld weniger hat. Aber man kann es, wie gesagt, einigermaßen ertragen. Sollen auch die Gattinnen, sollen auch die Kinder gemeinsam sein? Dann gibt es keine Unterscheidung des Blutes mehr, keine bestimmte Abkunft, keine Familie, keine Blutsverwandtschaft oder Schwägerschaft; wie bei den Herden auf dem Felde ist alles vermischt und vermengt; bei den Männern gibt es keine Enthaltsamkeit, bei den Frauen keine Züchtigkeit mehr. Und welche Liebe kann zwischen Gatte und Gattin sein, wenn keine unbezweifelte und ausschließliche Angehörigkeit sie verbindet? Wer wird gegen den Vater kindliche Liebe hegen, wenn S. 168 er nicht weiß, wer sein Vater ist? Wer wird den Sohn lieben, den er für einen fremden hält? Selbst auch das Rathaus hat Plato den Weibern erschlossen, Kriegsdienst, Ämter und Befehlshaberstellen ihnen zugänglich gemacht. Wie groß müßte das Unglück einer Stadt sein, in der die Weiber die Obliegenheiten der Männer an sich reißen! Doch hiervon mehr an anderer Stelle.
Zeno, der Meister der Stoiker, lobt zwar die Tugend, will aber die höchste Tugend, die Barmherzigkeit, als geistige Krankheit ausgemerzt wissen; und doch ist diese Tugend Gott lieb und wert und den Menschen unentbehrlich. Wer sehnt sich im Unglück nicht nach Mitleid und wünscht sich Hilfe und Beistand? Zur Hilfeleistung aber treibt nur das Gefühl der Barmherzigkeit an. Mag nun Zeno dieses Gefühl Menschenfreundlichkeit oder Dankbarkeit nennen, so ändert er damit nichts an der Sache, sondern nur am Namen. Das Mitleid ist das Gefühl, das dem Menschen allein verliehen ist, um unserer Armseligkeit durch wechselseitige Unterstützung aufzuhelfen; wer es wegnimmt, versetzt uns in das Leben der wilden Tiere zurück. Wenn ferner Zeno alle Sünden für gleich erklärt, so hat das seine Quelle in derselben Unmenschlichkeit, mit der er das Mitgefühl wie eine Krankheit verfolgt. Wer keinen Unterschied in den Versündigungen macht, der muß entweder geringe Vergehen mit großen Strafen belegen, was nur ein grausamer Richter tun kann, oder schwere Vergehen mit geringen Strafen, was Zeichen eines fahrlässigen Richters ist; beides zum Nachteil für das Gemeinwesen. Denn werden die größten Verbrechen gering bestraft, so wächst den Bösen die Vermessenheit zu schwereren Untaten; und wird über geringe Vergehen eine zu schwere Strafe verhängt, so kommen — weil ja niemand ohne Fehler sein kann — viele Mitbürger in Gefahr, die bei geeigneter Zurechtweisung gebessert werden konnten.
