1. Aus dem Briefe des Polykrates, Bischofs aus Ephesus, an Victor und die römische Kirche,1
worin Jener erklärt, über die Feier des Pasche an demselben Tage, an welchem es den Juden vorgeschrieben war, hätte sich die Überlieferung in Asien bis auf seine Zeit herab fortgepflanzt.
Wir also feiern den unverfälschten Tag, ohne etwas hinzuzusetzen oder wegzunehmen. Denn auch in Asien sind große Lichter gestorben, 2welche an dem Tage der Ankunft des Herrn auferstehen werden, an welchem er vom Himmel in Herrlichkeit kommen und alle Heiligen auferwecken wird. Philippus, einer der zwölf Apostel, der zu Hierapolis starb, und seine zwei Töchter, die im jungfräulichen Stande er- S. 277 grauten, ebenso eine andere Tochter von ihm, welche vom heil. Geiste erfüllt war und in Ephesus ruht; ferner Johannes, der an der Brust des Herrn gelegen. welcher auch ein das (hohepriesterliche) Diadem3 tragender Priester war, Martyrer und Lehrer wurde und in Ephesus begraben liegt, ebenso Polykarpus, Bischof von Smyrna und Martyr, ferner Thraseas, Bischof von Eumenia und Martyrer, der in Smyrna begraben liegt;4 was aber soll ich von Sagaris, Bischof und Martyrer, sprechen, der in Laodicea gestorben ist, 5was von Papirius, dem Seligen,6 und von Melito von Sardes,7 dem Eunuchen, welcher Alles im hl. Geiste verrichtete, der in Sardes begraben liegt und jene Heimsuchung vom Himmel erwartet, in welcher er von den Todten auferstehen wird? Alle Diese beobachteten den Tag des 14. Nisan als Pascha, dem Evangelinm gemäß, Nichts übertretend, sondern der Regel des Glaubens folgend; 8 ebenso S. 278 auch ich, der Geringste von euch allen, Polykrates, gemäß der Überlieferung meiner Verwandten, von denen ich einigen auch (im Amte) gefolgt bin; denn sieben meiner Verwandten waren Bischöfe, ich aber (bin) der achte; und stets haben den (Pascha-) Tag meine Verwandten (dann) gefeiert, wenn das Volk (Israel) den Sauerteig entfernte.9 Ich also, meine Brüder, der ich 65 Jahre im Herrn zähle und mit den Brüdern der (ganzen) Welt verkehrt und die ganze Schrift durchgelesen habe, werde nicht eingeschüchtert durch Drohungen, denn Solche, die großer sind als ich, haben gesagt: 10„Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen." Ich könnte auch die Bischöfe erwähnen, die ich nach euerem Wunsche zusammenberufen habe, deren Namen, wenn ich sie aufschreiben wollte, eine große Zahl geben würden; diese aber haben, nachdem sie mich kleinen Menschen gesehen, meinem Briefe beigestimmt, wissend, daß ich diese grauen Haare nicht vergebens trage, sondern stets dem Herrn Jesu gemäß mein Verhalten eingerichtet habe (mein Amt verwaltet habe).
Coustant p. 95. ↩
Daraus ist zu entnehmen, daß Victor seine Festpraxis auf „die großen Lichter“ Petrus und Paulus, welche in Rom gestorben sind, zurückführte. ↩
Πέταλος (nach der Septuag.) und Camina (n. d. Vulg.) ist das goldene Diadem, welches der jüdische Hohepriester an seiner Tiara trug (s. von Haneberg, Religiöse Alterthümer S. 542); damit will Polykrates augenscheinlich nichts Anderes sagen, als daß auch Johannes ein Hoherpriester und den Apostelfürsten ebenbürtig war. ↩
Den B. und M. Thraseas erwähnt nach Eusebius (H. E. 1. 5, c. 18) Apollonius in seiner Schrift gegen Montanus. ↩
Das Martyrium des Sagaris erwähnt (H. E. 1. 4, c. 26) Melito in seiner Schrift über die Osterstreitigkeiten. ↩
Ein Schüler des hl. Polykarp und dessen Nachfolger im Bischofsamte zu Smyrna. ↩
Hieronymus nennt ihn „im hl. Geiste beschnitten“, Rufinus „um des Gottesreiches Willen beschnitten“; Eunuch ist also nicht im buchstäbl. Sinne zu nehmen, sondern von dem jungfräulichen Leben Melito’s; derselbe stand auch wegen seiner vielen Schriften, unter denen einige von der Prophetie und den Propheten, im hohen Ansehen (cf. Halloix, Scriptor. eccl. orient. saec. II. p. 827). ↩
Polykrates erklärt somit den Streit für einen dogmatischen und seine Gegner für Verächter der evangelischen Lehre. ↩
Hierin irrten eben die Quartodecimaner; Christus hielt das letzte Abendmahl nicht mehr nach jüdischen Ceremonien, sondern früher, bevor die Tage der ungesäuerten Brode begannen (nemlich mit dem 14. Nisan, s. Haneberg a. a. O. S. 622); er selbst sagte ja bei Luc. 22, 16 voraus, daß er das Pascha nicht mehr genießen werde; so hielt er also mit den Jüngern das Abendmahl vor dem Pascha der Juden und starb an dem Tage des jüdischen Pascha, als das wahre Paschalamm. ↩
Apostgesch. 5, 29. ↩
