III. KAPITEL. Von den zwei Naturen. Gegen die Monophysiten.
Ohne Änderung und ohne Wandlung sind die Naturen miteinander vereinigt: Die göttliche Natur hat ihre Einfachheit nicht verloren und die menschliche hat sich wahrlich nicht in die Natur der Gottheit verwandelt oder ihr Sein aufgegeben, noch ist aus den zweien eine S. 117 einzige, zusammengesetzte Natur entstanden. Denn die zusammengesetzte Natur kann keiner der beiden Naturen, aus denen sie besteht, wesensgleich sein, da sie etwas anderes als die beiden geworden. Ein Beispiel 1 : Ein Körper, der aus den vier Elementen zusammengesetzt ist, gilt nicht als wesensgleich dem Feuer, noch wird er Feuer oder Luft oder Wasser oder Erde genannt, er ist eben keinem davon wesensgleich. Wenn also den Häretikern 2 gemäß Christus eine einzige, zusammengesetzte Natur nach der Vereinigung gehabt, so ist er aus einer einfachen Natur in eine zusammengesetzte verwandelt worden und ist weder dem Vater, der von einfacher Natur ist, wesensgleich noch der Mutter. Denn diese ist nicht aus Gottheit und Menschheit zusammengesetzt. Und er existiert dann wahrlich nicht in Gottheit und Menschheit und wird weder Gott noch Mensch, sondern nur Christus genannt werden. Und es wird das Wort Christus nicht der Name der Hypostase, sondern der nach ihnen (═ den Häretikern) einen Natur sein.
Wir aber lehren, Christus sei nicht von zusammengesetzter Natur, aus verschiedenen [Naturen] etwas Verschiedenes, wie aus Seele und Leib ein Mensch oder wie aus vier Elementen ein Körper, sondern aus verschiedenen dasselbe. Wir bekennen nämlich, daß aus Gottheit und Menschheit der nämliche vollkommener Gott sei und heiße, aus zwei und in zwei Naturen. Das Wort Christus aber, sagen wir, ist der Name der Hypostase, der nicht auf eine Art (═ von etwas, das aus einer Natur besteht) ausgesagt wird, sondern etwas bezeichnet, das aus zwei Naturen besteht. Denn er selbst hat sich selbst gesalbt. Als Gott salbt er mit seiner Gottheit den Leib, gesalbt aber wird er als Mensch. Denn er ist das eine wie das andere. Salbung der Menschheit aber ist die Gottheit. Denn wäre Christus von einer einzigen, zusammengesetzten Natur und dem Vater wesensgleich, so wäre auch der Vater S. 118 zusammengesetzt und dem Fleische wesensgleich. Doch das ist ungereimt und aller Lästerung voll.
Wie wird aber auch eine Natur der entgegengesetzten wesenhaften Unterschiede fähig sein? Denn wie ist es möglich, daß dieselbe Natur in derselben Hinsicht geschaffen und ungeschaffen, sterblich und unsterblich, umschrieben und unumschrieben sei?
Behaupten sie aber, Christus habe nur eine Natur, und erklären sie diese für einfach, so werden sie ihn entweder als bloßen Gott bekennen und ein Scheinbild, nicht eine Menschwerdung einführen, oder als bloßen Menschen, wie Nestorius 3. Und wo ist dann das Vollkommene in der Gottheit und das Vollkommene in der Menschheit? Wann wollen sie aber auch sagen, Christus habe zwei Naturen, wenn sie behaupten, er habe nach der Vereinigung eine einzige, zusammengesetzte Natur? Denn daß Christus vor der Einigung eine Natur gehabt, ist doch jedem klar.
Aber das ist der Grund des Irrtums bei den Häretikern, daß sie die Natur und die Hypostase für dasselbe erklären. Wohl behaupten wir die Einheit der Natur der Menschen. Allein dies behaupten wir, das muß man wissen, weil wir nicht den Begriff der Seele und des Leibes im Auge haben. Denn vergleicht man die Seele und den Leib miteinander, so kann man unmöglich sagen, sie seien einer Natur. Nein [dies behaupten wir], weil es eben sehr viele Hypostasen der Menschen gibt, allen (═ Menschen) aber derselbe Begriff der Natur zukommt. Denn alle sind aus Seele und Leib zusammengesetzt und alle sind der Natur der Seele teilhaftig und besitzen die Wesenheit des Leibes und die gemeinsame Wesensform. Die Natur der überaus vielen S. 119 und verschiedenen Hypostasen, sagen wir, ist eine. Jede Hypostase hat natürlich zwei Naturen und besteht in den zwei Naturen der Seele und des Leibes.
Bei unserem Herrn Jesus Christus aber darf man keine gemeinsame Wesensform annehmen. Denn weder war noch ist noch wird je ein anderer Christus sein aus Gottheit und Menschheit, in Gottheit und Menschheit, derselbe vollkommener Gott und vollkommener Mensch. Darum darf man von unserem Herrn Jesus Christus nicht eine Natur aussagen, von dem aus Gottheit und Menschheit bestehenden Christus nicht so wie von einem aus Seele und Leib bestehenden Individuum [sprechen]. Denn dort ist ein Individuum, Christus aber ist kein Individuum. Er hat ja nicht die Form der Christusheit als [allgemeines] Prädikat. Darum sagen wir eben, aus zwei vollkommenen Naturen, der göttlichen und menschlichen, sei die Einigung erfolgt, nicht nach Art einer Vermengung oder Zerfließung oder Vermischung oder Verschmelzung, wie der von Gott geschlagene Dioskur 4 behauptete und Eutyches und Severus 5 und ihr fluchbeladener Anhang, auch nicht dem Äußeren oder der Beziehung nach oder der Würde oder dem gleichen Willen oder der gleichen Ehre oder dem gleichen Namen oder der [gleichen] Gesinnung nach, wie der gottverhaßte Nestorius sagte und Diodor und Theodor 6 von S. 120 Mopsueste und deren dämonische Schar, sondern durch Verbindung oder hypostatisch, ohne Veränderung, ohne Vermischung, ohne Verwandlung, ohne Zerreißung und ohne Trennung. Wir bekennen in zwei vollkommenen Naturen eine Hypostase des Gottessohnes und des Fleischgewordenen, wir erklären die Hypostase seiner Gottheit und Menschheit für eine und dieselbe, wir bekennen, daß die zwei Naturen in ihm nach der Einigung gewahrt blieben, wir setzen aber nicht eine jede für sich, und besonders, sondern lassen sie miteinander verbunden sein in der einen zusammengesetzten Hypostase. Denn für wesenhaft erklären wir die Einigung, d. i. für wirklich und nicht scheinbar. Für wesenhaft, nicht als ob die zwei Naturen eine einzige, zusammengesetzte Natur ausmachten, sondern sofern sie wirklich in einer einzigen, zusammengesetzten Hypostase des Sohnes Gottes miteinander verbunden sind, und wir halten fest, daß ihr wesenhafter Unterschied gewahrt ist. Denn das Geschaffene ist geschaffen, das Ungeschaffene ungeschaffen geblieben. Das Sterbliche blieb sterblich, und das Unsterbliche unsterblich, das Umschriebene umschrieben, das Unumschriebene unumschrieben, das Sichtbare sichtbar, und das Unsichtbare unsichtbar. „Das eine glänzt durch die Wundertaten, das andere unterliegt den Schmähungen 7.“
Es eignet sich aber das Wort (der Logos) das Menschliche an — denn sein ist, was seines heiligen Fleisches ist ― und teilt von seinen Eigenheiten dem Fleische mit in der Weise einer wechselseitigen Mitteilung wegen des gegenseitigen Ineinanderseins der Teile S. 121 und der hypostatischen Einigung, und weil einer und derselbe war, der sowohl das Göttliche als das Menschliche in jeder von beiden Formen in Gemeinschaft mit dem andern wirkte 8. Darum heißt es ja auch, der Herr der Herrlichkeit sei gekreuzigt worden 9, obgleich seine göttliche Natur nicht gelitten, und es ist erklärt, daß der Menschensohn vor dem Leiden im Himmel war 10, wie der Herr selbst gesagt. Denn einer und derselbe war der Herr der Herrlichkeit und der, der nach der Naturordnung und wirklich Menschensohn oder Mensch geworden ist, und als sein erkennen wir die Wunder wie die Leiden, wenn auch der nämliche in anderer Hinsicht Wunder wirkte und in anderer Hinsicht die Leiden erduldete. Wir wissen nämlich, daß, wie seine eine Hypostase, so der wesenhafte Unterschied der Naturen gewahrt ist. Denn wie würde der Unterschied gewahrt, wenn nicht das gewahrt bliebe, was sich gegenseitig unterscheidet? Unterschied besteht doch zwischen dem, was verschieden ist. Mit Rücksicht auf die Art und Weise also, wodurch sich die Naturen Christi voneinander unterscheiden, d. i. mit Rücksicht auf die Wesenheit, sagen wir, sei er mit dem Gegensätzlichen verbunden: der Gottheit nach mit dem Vater und dem Geiste, der Menschheit nach aber mit seiner Mutter und allen Menschen. In Rücksicht auf die Art und Weise, wodurch seine Naturen verbunden sind, sagen wir, er unterscheide sich sowohl vom Vater und vom Geiste als auch von seiner Mutter und den übrigen Menschen. Seine Naturen sind nämlich durch die Hypostase verbunden, sie haben eine einzige, zusammengesetzte Hypostase. Nach dieser unterscheidet er sich sowohl vom Vater und vom Geiste als von der Mutter und uns.
Dies Beispiel gebraucht Eulogius, Patriarch von Alexandrien (580—607): Fragm. (Migne. P. gr. 86, 2, 2956 C). Doctr. Patr. S. 211, 11 ff. Johannes hat es aus der Doctrina genommen. ↩
Monophysiten. ↩
Nestorius, seit 428 Patriarch von Konstantinopel, lehrte im Anschluß an Theodor von Mopsueste in Antiochien zwei Personen in Christus. In dem von Maria geborenen Menschen Jesus habe der Sohn Gottes wie in einem Tempel gewohnt. Die Einheit des Göttlichen und Menschlichen in Christus sei keine physische, sondern eine moralische, d. i. eine Einheit des bloßen Willens. Seine Lehre wurde auf dem 3. allgemeinen Konzil zu Ephesus 431 verurteilt, er selbst abgesetzt und nach Ägypten verbannt, wo er 439 starb. ↩
Dioskur I., Patriarch von Alexandrien (444—451). Er schützte den Eutyches, Archimandrit von Konstantinopel, den Vater des Monophysitismus, führte den Vorsitz auf der Räubersynode von Ephesus 449, die den Eutyches für rechtgläubig erklärte und die Zweinaturenlehre verurteilte. Auf dem 4. allgemeinen Konzil zu Chalzedon 451 wurde er nebst Eutyches abgesetzt und starb 454 in der Verbannung zu Gangra in Paphlagonien. ↩
Severus, Patriarch von Antiochien (512—518), war die führende Persönlichkeit der Monophysiten Syriens. 518 von Kaiser Justin abgesetzt, flüchtete er nach Alexandrien. Er starb 538 in Ägypten. ↩
Diodor, Bischof von Tarsus (seit 378), gest. vor 394, der Begründer der antiochenischen Exegetenschule. Er faßte das Verhältnis der göttlichen und menschlichen Natur als ein bloßes Einwohnen des Logos im Menschen Jesus wie in einem Tempel oder in einem Kleid. Man müsse nicht bloß zwei Naturen, sondern zwei Personen, einen Sohn Gottes und einen Sohn Davids unterscheiden. Wie Diodor, so lehrte auch sein Schüler Theodor, Bischof von Mopsuestia (392 — 428), der bedeutendste Exeget und das geistige Haupt der antiochenischen Schule, das Innewohnen des Logos im Menschen Jesus, darum zwei Personen in Christus, eine relative oder moralische Einheit der beiden Naturen, nämlich eine Einheit der Willensrichtung und eine Einheit der himmlischen Herrlichkeit. Theodor ist mit Diodor der geistige Urheber des Nestorianismus, er war der Lehrer des Nestorius. ↩
Leo Rom., Ep. 28, 4 (Migne, P. l. 54, 768 B). Doctrina Patrum de incarnatione Verbi, ed. Diekamp, Münster 1907, p. 94, 15 f.; cf. p. 83, 12 ff. ↩
Leo Rom., l. c. Doctr. Patr. de incarn. Verb. l. c. p. 94, 12; cf. p. 83, 5 f.: „Es wirkt eine jede von beiden Formen in Gemeinschaft mit dem andern.“ ↩
Vgl. 1 Kor. 2, 8. ↩
Vgl. Joh. 3, 13. ↩
