XV. KAPITEL. Von den Wirksamkeiten (Tätigkeiten) in unserem Herrn Jesus Christus.
S. 153 Wir reden bei unserem Herrn Jesus Christus auch von zwei Tätigkeiten. Als Gott und dem Vater wesensgleich, besaß er gleichfalls die göttliche Tätigkeit (Wirksamkeit) und als Menschgewordener und uns wesensgleich die Tätigkeit der menschlichen Natur.
Man muß jedoch wissen, daß etwas anderes die Wirksamkeit, etwas anderes das Wirksame, etwas anderes die Wirkung und etwas anderes der Wirkende ist 1. Wirksamkeit ist die tätige und wesenhafte Bewegung 2 der Natur. Das Wirksame ist die Natur, von der eine Wirksamkeit ausgeht. Wirkung ist die Vollziehung der Wirksamkeit. Wirkend ist der, der die Wirksamkeit ausübt, oder die Hypostase. Man nennt aber auch die Wirksamkeit Wirkung und die Wirkung Wirksamkeit, wie auch das Geschöpf Schöpfung. Denn so sagen wir: „Die ganze Schöpfung“ und bezeichnen damit die Geschöpfe.
Man muß wissen, daß die Wirksamkeit eine Bewegung ist und vielmehr gewirkt wird als wirkt, wie Gregor 3 der Theologe in seiner Rede über den Hl. Geist sagt: „Ist er eine Wirksamkeit, so wird er offenbar gewirkt werden und nicht wirken und zugleich mit dem Gewirktsein aufhören.“
Man muß wissen, daß auch das Leben selbst eine Wirksamkeit, ja die erste Wirksamkeit des Lebewesens ist, auch die ganze Einrichtung des Lebewesens: die nährende und mehrende oder natürliche [Bewegung], die antreibende oder die empfindende und die denkende und selbstmächtige (freie) Bewegung. „Die S. 154 Wirksamkeit aber ist die Vollendung der Möglichkeit 4.“ Wenn wir nun all das in Christus schauen, so werden wir ihm auch eine menschliche Wirksamkeit zuschreiben.
Wirksamkeit heißt auch der erste in uns entstehende Gedanke. Er ist eine einfache und verhältnislose Wirksamkeit des Geistes, der in sich unsichtbar seine Gedanken hervorbringt, ohne die er mit Recht nicht einmal Geist genannt werden könnte. Weiterhin heißt Wirksamkeit auch die Offenbarung und Kundgebung des Gedachten durch die Aussprache des Wortes. Diese aber ist nicht mehr verhältnislos und einfach, sondern sie wird in einem Verhältnis gedacht, da sie aus Gedanke und Wort zusammengesetzt ist. Aber auch das Verhalten selbst, das der Handelnde zum Geschehenden zeigt, ist eine Wirksamkeit. Und das Vollbringen selbst heißt Wirksamkeit. Das erste ist Sache der Seele allein, das zweite [Sache] der sich des Körpers bedienenden Seele, das dritte [Sache] des geistig beseelten Körpers, das vierte aber Vollbringung. Der Geist erwägt zum voraus, was geschehen soll, und wirkt so durch den Körper. Der Seele kommt also die Herrschaft zu. Denn sie gebraucht den Körper wie ein Werkzeug, führt und lenkt diesen. Eine andere aber ist die Wirksamkeit des Körpers 5, der von der Seele geführt und bewegt wird. Die Vollbringung dagegen ist, was den Körper betrifft, das Berühren und das Festhalten und gleichsam das Umfassen dessen, was geschieht; was aber die Seele betrifft, gleichsam das Formen und Gestalten dessen, was geschieht. So war auch bei unserem Herrn Jesus Christus die Macht der Wunder eine Wirksamkeit seiner Gottheit, die Handleistung aber und das Wollen und Sagen: „Ich will, werde rein 6“ war eine Wirksamkeit seiner Menschheit. Vollbringung jedoch war seitens der menschlichen S. 155 [Natur] die Brechung der Brote 7, die Anhörung des Aussätzigen, das „ich will“, seitens der göttlichen aber die Vermehrung der Brote und die Reinigung des Aussätzigen 8. Durch beides nämlich, durch die Wirksamkeit der Seele wie des Körpers, zeigte er eine und dieselbe, übereinstimmende und gleiche, seine göttliche Wirksamkeit. Wie wir nämlich die Naturen als vereint und sich gegenseitig durchdringend erkennen und doch deren Unterschied nicht leugnen, sondern diese zählen und als getrennt erkennen, so erkennen wir einerseits die Verbindung der Willen und Wirksamkeiten, andrerseits erkennen wir den Unterschied an und zählen sie und führen doch keine Trennung ein. Denn gleichwie das Fleisch vergottet worden und doch keine Änderung seiner eigenen Natur erlitten hat, ebenso sind auch der Wille und die Wirksamkeit vergottet und haben dennoch ihre eigenen Grenzen nicht überschritten. Denn einer ist es, der dieses und jenes ist, der auf diese und jene Weise, d. h. auf göttliche und menschliche wollte und wirkte.
Man muß also wegen der Doppelnatur in Christus zwei Wirksamkeiten annehmen. Denn wovon die Natur verschieden ist, davon ist die Wirksamkeit verschieden, und wovon die Wirksamkeit verschieden ist, davon ist die Natur verschieden. Und umgekehrt, wovon die Natur dieselbe ist, davon ist auch die Wirksamkeit dieselbe, und wovon die Wirksamkeit eine ist, davon ist auch die Wesenheit eine, wie die göttlich redenden Väter lehren. Eines von beiden ist also notwendig: Entweder erklärt man die Wirksamkeit in Christus für eine, dann muß man auch die Wesenheit für eine erklären, oder wir halten uns an die Wahrheit und erklären mit dem Evangelium und den Vätern die Wesenheiten für zwei, dann müssen wir zugleich auch die ihnen entsprechend folgenden Wirksamkeiten für zwei erklären. Denn da er nach seiner Gottheit Gott dem Vater wesensgleich ist, wird er [ihm] auch in der Wirksamkeit gleich sein. Und da der nämliche nach seiner S. 156 Menschheit uns wesensgleich ist, wird er [uns] auch in der Wirksamkeit gleich sein. Sagt doch der selige Gregorius, der Bischof von Nyssa 9: „Wovon die Wirksamkeit eine ist, davon ist gewiß auch das Vermögen dasselbe. Denn jede Wirksamkeit ist Vollendung eines Vermögens.“ Unmöglich kann ferner die Natur oder Macht oder Wirksamkeit einer ungeschaffenen und einer geschaffenen Natur eine einzige sein. Wollten wir nun die Wirksamkeit Christi für eine erklären, so würden wir der Gottheit des Wortes die Leidenschaften (Affekte) der vernünftigen Seele, nämlich Furcht und Schmerz und Angst, zuschreiben.
Sollten sie jedoch einwenden: Die heiligen Väter, die über die heilige Dreiheit handelten, sagten allerdings: „Wovon die Wesenheit eine ist, davon ist auch die Wirksamkeit eine, und wovon die Wesenheit verschieden ist, davon ist auch die Wirksamkeit verschieden 10“, aber man darf die Sätze der Gotteslehre nicht auf die Heilsveranstaltung (Menschwerdung) übertragen, so werden wir antworten: Ist bei den Vätern bloß von der Gotteslehre die Rede, und hat der Sohn nicht auch nach der Fleischwerdung dieselbe Wirksamkeit wie der Vater, dann wird er auch nicht dieselbe Wesenheit haben. Wem aber werden wir dann das zuschreiben: „Mein Vater wirkt bis auf diese Stunde, und auch ich wirke 11“, und: „Was er den Vater tun sieht, das tut in gleicher Weise auch der Sohn 12“, und: „Wenn ihr mir nicht glauben wollt, dann glaubet meinen Werken 13“, und: „Die Werke, die ich tue, legen Zeugnis von mir ab 14“, und: „Wie der Vater die Toten aufweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn die lebendig, die er will 15“? Dies alles zeigt, daß er auch nach der Fleischwerdung nicht bloß wesensgleich mit dem Vater ist, sondern daß er auch dieselbe Wirksamkeit hat.
S. 157 Und wiederum: Wenn die Sorge für das Seiende nicht bloß dem Vater und dem Hl. Geiste, sondern auch dem Sohne auch nach der Fleischwerdung zukommt, dieses aber eine Wirksamkeit ist, so hat er auch nach der Fleischwerdung dieselbe Wirksamkeit wie der Vater.
Wenn wir aus den Wundern erkennen, daß Christus dieselbe Wesenheit wie der Vater hat, die Wunder aber eine Wirksamkeit Gottes sind, so hat er nach der Fleischwerdung dieselbe Wirksamkeit wie der Vater 16.
Wenn die Wirksamkeit seiner Gottheit und seines Fleisches eine ist, so wird sie zusammengesetzt sein, und er wird entweder eine andere Wirksamkeit haben als der Vater, oder es wird auch der Vater eine zusammengesetzte Wirksamkeit besitzen. Wenn aber eine zusammengesetzte Wirksamkeit, dann offenbar auch eine [solche] Natur.
Sollten sie aber sagen, mit der Wirksamkeit werde zugleich eine Person eingeführt, so werden wir erwidern: Wird mit der Wirksamkeit zugleich eine Person eingeführt, so wird nach der vernunftgemäßen Umkehrung auch mit der Person zugleich eine Wirksamkeit eingeführt werden, und es wird, wie drei Personen oder Hypostasen der heiligen Dreiheit, so auch drei Wirksamkeiten geben 17, oder wie eine Wirksamkeit, so eine Person und eine Hypostase. Die heiligen Väter haben aber einstimmig erklärt, das, was dieselbe Wesenheit habe, besitze auch dieselbe Wirksamkeit.
Ferner: Wenn mit der Wirksamkeit zugleich eine Person eingeführt wird, so haben die, die bestimmt haben, weder von einer noch von zwei Wirksamkeiten Christi zu reden, angeordnet, weder von einer noch von zwei Personen bei ihm zu reden 18.
Bei dem feurig gemachten Messer bleiben die Naturen des Feuers und des Eisens gewahrt, ebenso auch zwei Wirksamkeiten und deren Wirkungen. Denn das S. 158 Eisen kann schneiden, das Feuer brennen, und der Schnitt ist die Wirkung von der Wirksamkeit des Eisens und das Brennen von der des Feuers. Und ihr Unterschied bleibt in dem gebrannten Schnitt und in dem geschnittenen Brand gewahrt, wenn auch nach der Vereinigung [des Feuers und Eisens] weder das Brennen ohne den Schnitt noch der Schnitt ohne das Brennen geschieht. Und wir reden wegen der doppelten natürlichen Wirksamkeit weder von zwei glühend gemachten Messern, noch vermischen wir wegen des einzigen glühend gemachten Messers ihren wesenhaften Unterschied 19. So gehört auch in Christus die göttliche und allmächtige Wirksamkeit seiner Gottheit an, die uns gemäße aber seiner Menschheit. Tat der menschlichen war es, daß er das Mädchen bei der Hand nahm und zog 20, [Tat] der göttlichen, daß er es lebendig machte. Denn etwas anderes war dieses und etwas anderes jenes, wenngleich sie (═ die Wirksamkeiten) in der gottmenschlichen Wirksamkeit nicht voneinander getrennt waren. Wird aber deshalb, weil die Hypostase des Herrn eine ist, auch die Wirksamkeit eine sein, dann wird wegen der einen Hypostase auch die Wesenheit eine sein.
Und wiederum: Wollen wir* eine* Wirksamkeit beim Herrn annehmen, so werden wir diese entweder göttlich oder menschlich oder keines von beiden nennen. Allein wenn göttlich, dann werden wir ihn nur für Gott erklären, der die uns gleiche Menschheit nicht hat. Wenn aber menschlich, dann werden wir ihn einen bloßen S. 159 Menschen lästern. Wenn jedoch weder göttlich noch menschlich, [dann werden wir ihn] weder für Gott noch für einen Menschen 21, weder dem Vater noch uns wesensgleich [erklären]. Denn durch die Einigung ist die persönliche Identität entstanden, nicht aber ist auch der Unterschied der Naturen aufgehoben worden. Bleibt jedoch der Unterschied der Naturen gewahrt, so werden natürlich auch deren Wirksamkeiten gewahrt bleiben. Denn es gibt keine unwirksame Natur.
Ist die Wirksamkeit Christi, des Herrn, eine, so wird sie entweder geschaffen oder ungeschaffen sein. Denn dazwischen gibt es keine Wirksamkeit, wie auch keine Natur. Wenn nun geschaffen, so wird sie nur eine geschaffene Natur anzeigen. Wenn aber ungeschaffen, so wird sie nur eine ungeschaffene Wesenheit kennzeichnen. Denn das Natürliche muß jedenfalls den Naturen entsprechen 22. Eine unvollständige Natur kann nicht existieren. Die naturgemäße Wirksamkeit ist nicht außerhalb des Naturgemäßen, und es ist klar, daß die Natur ohne ihre naturgemäße Wirksamkeit weder existieren noch erkannt werden kann. Denn jedwedes verbürgt durch das, was es wirkt, seine Natur, sofern es sich nicht ändert.
Ist die Wirksamkeit Christi eine, so tut die nämliche das Göttliche und Menschliche. Kein Seiendes aber kann, wenn es in dem bleibt, was seiner Natur gemäß ist, das Gegenteil tun. Das Feuer kann nicht kühlen und wärmen, das Wasser nicht trocknen und nässen. Wie ist es also möglich, daß der, der von Natur Gott ist und von Natur Mensch geworden ist, sowohl die Wunder als die Leiden durch eine Wirksamkeit vollbracht hat 23?
Hat Christus einen menschlichen Geist (νοῦς) [nous] oder eine denkende und vernünftige Seele angenommen, so wird er sicherlich gedacht haben und immer gedacht haben. Das Denken ist aber eine Wirksamkeit des S. 160 Geistes. Also ist Christus auch als Mensch wirksam (tätig) und immer wirksam.
Der hochweise und große heilige Chrysostomus 24 sagt in seiner Erklärung der Apostelgeschichte in der zweiten Rede also: „Man dürfte nicht irren, wenn man auch sein Leiden ein Tun nennt. Denn dadurch, daß er alles litt, tat er jenes große und wunderbare Werk, indem er den Tod vernichtete und alles andere vollbrachte.“
Wenn jede Wirksamkeit als wesenhafte Bewegung einer Natur bestimmt wird, wie die hierin Erfahrenen lehren: Wo weiß jemand eine untätige oder völlig unwirksame Natur oder wo hat er eine Wirksamkeit gefunden, die nicht Bewegung eines natürlichen Vermögens wäre 25? Daß aber Gott und Geschöpf eine einzige natürliche Wirksamkeit haben, wird wohl kein Vernünftiger zugeben gemäß dem seligen Cyrillus 26: „Weder macht die menschliche Natur den Lazarus lebendig 27, noch weint 28 die göttliche Macht. Denn die Träne ist der Menschheit eigen, das Leben jedoch dem an sich subsistierenden Leben.“ Aber gleichwohl ist wegen der Identität der Person beides beiden gemeinsam. Denn einer ist Christus, und eine ist seine Person oder Hypostase. Aber er hat doch zwei Naturen, [die Natur] seiner Gottheit und seiner Menschheit. Von der Gottheit her ist nun die Herrlichkeit, die naturgemäß von ihr ausgeht, wegen der Identität der Hypostase beiden gemeinsam, vom Fleische her ist das Niedrige beiden gemeinsam. Denn einer und derselbe ist der, der sowohl dieses wie jenes ist, nämlich Gott und S. 161 Mensch, und der nämliche hat sowohl die Eigenschaften der Gottheit wie die der Menschheit. Die Wunder wirkte die Gottheit, jedoch nicht ohne das Fleisch, das Niedrige aber das Fleisch, jedoch nicht ohne die Gottheit. Denn einerseits war mit dem leidenden Fleische die Gottheit verbunden, die leidensfrei blieb und die Leiden heilbringend machte, andrerseits war mit der wirkenden Gottheit des Wortes der heilige Verstand (νοῦς) [nous] verbunden, der das, was vollbracht wurde, bedachte und wußte.
Ihre eigenen Vollkommenheiten teilt die Gottheit dem Leibe mit, sie selbst aber bleibt von den Leiden des Fleisches unberührt. Denn nicht so, wie durch das Fleisch die Gottheit wirkte, litt auch durch die Gottheit sein Fleisch. Das Fleisch war nämlich Werkzeug der Gottheit. Obgleich daher von der ersten Empfängnis an nicht die geringste Trennung zwischen den beiden Gestalten (═ der göttlichen und menschlichen Gestalt) bestand, sondern die Handlungen der einen Person jederzeit beiden Gestalten zugehörten, so vermischen wir doch das, was ungetrennt geschehen, in keiner Weise, sondern erkennen aus der Beschaffenheit der Werke, was Sache der einen oder andern Form ist.
Es wirkt also Christus nach jeder seiner beiden Naturen, und es wirkt jede der beiden Naturen in ihm in Gemeinschaft mit der andern: Das Wort wirkt durch die Macht und Kraft der Gottheit, was des Wortes ist, alles, was des Herrschers und Königs ist, der Leib aber nach dem Willen des mit ihm geeinten Wortes, dem er ja angehört. Denn nicht von sich selbst aus erregte er den Trieb zu den natürlichen Affekten noch auch die Abneigung und den Widerwillen gegen das Lästige oder litt er das von außen her Zustoßende, sondern er bewegte (═ betätigte) sich entsprechend dem Naturverhältnis: Gemäß der Heilsordnung war es nämlich das Wort, das wollte und zuließ, daß er das Seinige leide und tue, damit durch die Werke die Wirklichkeit der Natur beglaubigt würde.
Gleichwie er, aus einer Jungfrau geboren, in überwesentlicher Weise Wesenheit annahm, so wirkte er auch in übermenschlicher Weise, was Sache der S. 162 Menschen ist: Er wandelte mit irdischen Füßen auf unstetem Wasser 29. Das Wasser ward nicht zur Erde, sondern es wurde durch die übernatürliche Macht der Gottheit zusammengehalten, so daß es nicht zerfloß und der Schwere der materiellen Füße nicht nachgab. Denn nicht auf menschliche Weise tat er das Menschliche, er war ja nicht bloß Mensch, sondern auch Gott. Deshalb waren auch seine Leiden lebendigmachend und heilbringend. Und nicht auf göttliche Weise wirkte er das Göttliche, er war ja nicht bloß Gott, sondern auch Mensch. Deshalb wirkte er durch Berührung, Wort und dergleichen die Wunder.
Wollte aber jemand sagen: Nicht um die menschliche Wirksamkeit aufzuheben, behaupten wir eine Wirksamkeit in Christus, sondern weil im Gegensatz zur göttlichen Wirksamkeit die menschliche Wirksamkeit ein Leiden genannt wird, insofern behaupten wir eine Wirksamkeit in Christus, so werden wir antworten: Demgemäß halten auch die, die eine Natur behaupten, diese fest, nicht um die menschliche aufzuheben, sondern weil im Gegensatz zur göttlichen Natur die menschliche leidend heißt. Von uns aber sei es ferne, daß wir im Gegensatz zur göttlichen Wirksamkeit die menschliche Bewegung ein Leiden nennen. Denn, um allgemein zu sprechen, von keiner Sache läßt sich die Existenz durch Gegenüberstellung oder Vergleichung erkennen und bestimmen. Auf diese Weise würde es sich zeigen, daß die Dinge wechselseitig Ursachen voneinander sind. Denn wenn deshalb, weil die göttliche Bewegung eine Wirksamkeit ist, die menschliche ein Leiden ist, so wird gewiß auch deshalb, weil die göttliche Natur gut ist, die menschliche schlecht sein. Und umgekehrt wird, weil die menschliche Bewegung ein Leiden genannt wird, die göttliche Bewegung eine Wirksamkeit genannt, und weil die menschliche Natur schlecht ist, wird die göttliche gut sein 30. Und auch alle Geschöpfe werden auf diese Weise schlecht sein, und es wird der lügen, der sagt: S. 163 „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut 31.“
Wir aber sagen: Die heiligen Väter haben die menschliche Bewegung (Tätigkeit) je nach den Gedanken, die sie entwickelten, auf mannigfache Weise benannt. Sie nannten sie nämlich Vermögen, Wirksamkeit, Unterschied, Bewegung, Eigentümlichkeit, Beschaffenheit, Leiden. Vermögen [nannten sie dieselbe] nicht im Gegensatz zur göttlichen, sondern da sie bleibend und unwandelbar ist. Wirksamkeit, da sie kennzeichnend ist und die Gleichheit in allen Gleichartigen anzeigt. Unterschied, da sie unterscheidend ist. Bewegung, da sie sich kundgibt. Eigentümlichkeit, da sie bestimmend ist und nur ihr selbst und keiner andern zukommt. Beschaffenheit, da sie formbildend ist. Leiden, da sie bewegt wird — denn alles, was aus Gott und nach Gott ist, leidet dadurch, daß es bewegt wird, da es nicht Selbstbewegung oder Selbstmacht ist —, also, wie gesagt, nicht im Gegensatz, sondern nach dem Inhalt, der ihr von der Ursache, die das All begründet, schöpferisch eingepflanzt ist. Deshalb gaben sie ihr auch die gleiche Bezeichnung wie der göttlichen, sie nannten sie Wirksamkeit. Denn der gesagt hat: „Es wirkt jede der beiden Formen in Gemeinschaft mit der andern 32“, was hat er anderes getan als der, der gesagt: „Als er vierzig Tage gefastet, hungerte ihn zuletzt 33“ — denn wann er wollte, ließ er die Natur das Ihrige wirken — oder die, die eine verschiedene, oder die, die eine doppelte, oder die, die eine andere und wieder andere Wirksamkeit in ihm lehrten 34? Letzteres ist ja nur ein Benennungswechsel (Antonomasie) und bezeichnet die beiden Wirksamkeiten. Oft wird nämlich durch einen Benennungswechsel die Zahl angezeigt, wie dadurch, daß man sagt: göttlich und menschlich. Denn der Unterschied ist ein S. 164 Unterschied von etwas, das verschieden ist 35. Wie soll das, was nicht ist, verschieden sein?
Vgl. Bas., Adv. Eunom. l. 4 (Migne, P. gr. 29, 689 C). Doctr. Patr. de incarn. Verb. S. 80, II. ↩
Doctr. Patr. de incarn. Verb. c. 33, S. 258, 6. Diekamp (Doctr. Patr., l. c. ad 6) verweist auf Greg. Nyss. bei Maximus, Diversae definitiones (Migne, P. gr. 91, 281 A). ↩
Orat. 31, 6 (Migne, P. gr. 36, 140 A). Doctr. Patr. S. 80, III. ↩
Greg. Nyss., De orat. dom. orat. 3 (Migne, P. gr. 44, 1160 A). Doctr. Patr. de incarn. Verb. S. 258, 5. ↩
Das kursiv Gedruckte steht wörtlich in einem Fragment des Patriarchen Anastasius I. von Antiochien (559—599) in der Doctr. Patr. de incarn. Verb. S. 79, 25 f.; 78, 23—26 u. 79, 1—4, 9—11, 5. Das Fragment ist auch bei Migne, P. gr. 94, 1048 C Anm. 36 mitgeteilt. ↩
Matth. 8, 3. ↩
Joh. 6, 11. ↩
Vgl. Max. Conf., Disput. cum Pyrrho, l. c. II, 190. ↩
De orat. dom. orat. 3 (Migne, P. gr. 44, 1160 A). Doctr. Patr. de incarn. Verb. l. c. S. 76, XVI; 258, 5. ↩
Max. Conf., l. c. II, 192. ↩
Joh. 5, 17. ↩
Ebd. [Joh.] 5, 19. ↩
Ebd. [Joh.] 10, 38. ↩
Ebd. [Joh.] 10, 25. ↩
Ebd. [Joh.] 5, 21. ↩
Das kursiv Gedruckte fast Wort für Wort aus Max. Conf., l. c. II, 192 f. ↩
Vgl. Max. Conf., Disput. cum Pyrrho, l. c. II, 186. Das kursiv Gedruckte wörtlich. ↩
Vgl. Max. Conf., l. c. Das kursiv Gedruckte wörtlich. ↩
Siehe auch Joh. Damasc., De duabus in Christo voluntatibus c. 43 (Migne, P. gr. 95, 184). Dieses Beispiel vom glühend gemachten Messer, das schneidet und zugleich brennt, verwendet, wenn auch nicht in dieser Ausführlichkeit wie Johannes, bereits Eulogius von Alexandrien (b0ardenhewer, Ungedruckte Exzerpte usw. VII, 7 a. a. O. S. 376 u. 392), ferner Maximus Confessor, an den sich Johannes hier anschließt (Disput. cum Pyrrho, l. c. II, 187; Migne, P. gr. 91, 337—340; De duabus unius Christi Dei nostri voluntatibus l. c. II, 102; Migne, P. gr. 91, 189—192. Bardenhewer, a. a. O. S. 401 A. zu 7, 7). Das kursiv Gedruckte ist fast wörtlich aus Max. Conf., Disput. cum Pyrrho, l. c. ↩
Luk. 8, 54. ↩
Das in diesem Abschnitt kursiv Gedruckte wörtlich aus Max. Conf., Disput. cum Pyrrho, l. c. II. 187 f. ↩
Das kursiv Gedruckte wörtlich aus Max. Conf., l. c. II, 188. ↩
Das kursiv Gedruckte fast wörtlich, das übrige dem Sinne nach aus Max. Conf., l. c. II, 189. ↩
In acta apost. hom. 1, 3 (Migne, P. gr. 60, 18 al. 17). Doctr. Patr. de incarn. Verb. l. c. S. 86, XVI. ↩
Das kursiv Gedruckte ist wörtlich aus einem Scholion des Sophronius, Patriarchen von Jerusalem († 638), in der Doctr. Patr. de incarn. Verb. S. 89, 8—12. ↩
Greg. Nyss., Contra Eunom. l. 5 (Migne, P. gr. 45, 705 C). Doctr. Patr. S. 97, XIX. Der Text dieser Stelle, die Johannes irrtümlicherweise Cyrill von Alexandrien zuschreibt, zeigt bei Gregor von Nyssa einige Abweichungen. ↩
Joh. 11, 1 ff. ↩
Ebd. [Joh.] 11, 35. ↩
Matth. 14, 25 f. ↩
Das kursiv Gedruckte wörtlich aus Max. Conf., Disput. cum Pyrrho, l. c. II, 193. ↩
Gen. 1, 31. ↩
Leo I. P., Ep. 28, 4 (Migne, P. l. 54, 768 B). ↩
Matth. 4, 2. ↩
Das kursiv Gedruckte Wort für Wort aus Max. Conf., l. c. II, 193 f. ↩
Das kursiv Gedruckte wörtlich aus Leont., Triginta capita contra Sever. n. 23 Migne, P. gr. 86, 2, 1909 A. Doctr. Patr. S. 159, 35. ↩
