XXII. KAPITEL. Vom Fortschritt.
„Er nahm zu“, heißt es, „an Weisheit und Alter und Gnade 1.“ Er wuchs an Alter. Mit dem zunehmenden Alter aber ließ er die in ihm wohnende Weisheit ans Licht treten. Ferner machte er den Fortschritt der S. 178 Menschen in Weisheit und Gnade und die Erfüllung des Vaterwillens, d. h. die Gotteserkenntnis und das Heil der Menschen, zu seinem eigenen Fortschritt und eignete sich überall das Unsrige an. Die aber bei ihm einen Fortschritt in Weisheit und Gnade in dem Sinne behaupten, als hätte er hierin eine Vermehrung erfahren, die lassen die Einigung nicht mit der ersten Entstehung des Fleisches erfolgt sein und sie lehren auch keine hypostatische Einigung, sondern dem eitlen Nestorius folgend 2 fabeln sie von einer äußerlichen Einigung und einer bloßen Einwohnung, „verstehen aber gar nicht, was sie sagen, noch worüber sie kühn Behauptungen aufstellen 3“. Denn wenn das Fleisch im Anfange seiner Existenz mit dem Gott-Logos wirklich geeint wurde oder vielmehr in ihm seinen Anfang nahm und die hypostatische Identität mit ihm hatte, wie war es dann möglich, daß es nicht vollkommen alle Weisheit und Gnade besaß? Es ward nicht der Gnade teilhaftig oder hatte aus Gnade an dem, was des Wortes ist, teil, nein, es ist vielmehr kraft der hypostatischen Einigung, wodurch sowohl das Menschliche als das Göttliche dem einen Christus eigen war — der nämliche war ja Gott und Mensch zugleich —, Quelle der Gnade und Weisheit und Fülle aller Güter für die Welt geworden.
