X. KAPITEL. Über das Trishagion (Dreimalheilig).
Daher erklären wir auch den Zusatz im Trishagion, der von dem törichten Petrus dem Walker 1 stammt, für S. 135 gotteslästerlich. Denn er (═ der Zusatz) führt eine vierte Person ein, er stellt den Sohn Gottes, die persönliche Kraft des Vaters, eigens und den Gekreuzigten eigens, als wäre er ein anderer als „der Starke“, oder aber er läßt die heilige Dreifaltigkeit leiden und kreuzigt mit dem Sohne den Vater und den Hl. Geist. Fort mit diesem lästerlichen und falschen Geschwätz! Wir verstehen das „heiliger Gott“ vom Vater, legen aber nicht bloß ihm den Namen der Gottheit bei, sondern wissen wohl, daß auch der Sohn und der Hl. Geist Gott ist. Und das „heiliger Starker“ beziehen wir auf den Sohn, ohne jedoch den Vater und den Hl. Geist der Stärke zu entkleiden. Und das „heiliger Unsterblicher“ bestimmen wir für den Hl. Geist. Wir schließen damit den Vater und den Sohn nicht von der Unsterblichkeit aus, sondern wir wenden alle Gottesbezeichnungen schlechthin und uneingeschränkt auf jede der Hypostasen an, wir ahmen den göttlichen Apostel nach, der sagt: „Wir aber haben einen Gott, den Vater, aus dem alles ist, und wir aus ihm, und einen Herrn Jesus Christus, durch den alles ist, und wir durch ihn 2“, und einen Hl. Geist, in dem alles ist, und wir in ihm, und fürwahr nicht bloß ihn, sondern auch Gregor den Theologen 3, der irgendwo also sagt: „Wir aber haben einen Gott, den Vater, aus dem alles, und einen Herrn Jesus Christus, durch den alles, und einen Hl. Geist, in dem alles ist.“ Die Ausdrücke: „aus dem, durch den und in dem“ scheiden keine Naturen — man könnte ja auch die Vorwörter oder die Reihenfolge der Namen nicht umkehren —, sondern sie bezeichnen Eigentümlichkeiten einer einzigen und unvermischten Natur. Und das erhellt daraus, daß sie wieder in Eins verbunden werden, es müßte denn sein, daß man unachtsam bei demselben Apostel jenes Wort läse: „Aus ihm und durch ihn und in ihm ist alles, ihm sei Ehre in alle Ewigkeit. Amen 4.“
Denn daß das Trishagion nicht allein vom Sohne, sondern von der heiligen Dreiheit gesagt ist, bezeugen S. 136 der göttliche und hl. Athanasius 5, Basilius 6, Gregorius 7 und der ganze Chor der Väter 8, der Gottesträger. [Sie bezeugen] nämlich, daß durch das Dreimalheilig die heiligen Seraphim uns die drei Hypostasen der überwesentlichen Gottheit anzeigen. Dadurch aber, daß sie nur einen Herrn nennen, bezeichnen sie die eine Wesenheit und Herrschaft der göttlichen Dreiheit. Es sagt daher Gregor der Theologe 9: „So kommen also die Heiligen der Heiligen, die auch von den Seraphim verborgen und in drei Heilig gepriesen werden, in einem Herrsein und Gottsein zusammen. Dies ist auch von einem andern vor uns 10 in überaus treffender und erhabener Weise wissenschaftlich erörtert worden.“
Es berichten auch die Kirchengeschichtsschreiber: Als das Volk in Konstantinopel wegen einer von Gott verhängten Bedrohung unter dem Erzbischof Proklus 11 betete, da traf sich folgendes: Ein Knabe aus dem Volke geriet in Verzückung und lernte durch englische Belehrung das Dreimalheilig-Lied so: „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme dich unser.“ Und als der Knabe wieder zu sich kam und das Gelernte verkündete, sang die ganze Menge das Lied, und so hörte die Bedrohung auf 12. Auch auf der vierten S. 137 heiligen, großen, allgemeinen Synode zu Chalzedon 13 soll dieses Dreimalheilig-Lied so gesungen worden sein. So wird nämlich in den Akten derselben heiligen Synode berichtet 14. Lächerlich also und läppisch fürwahr ist es, daß das Dreimalheilig-Lied, das von Engeln gelehrt, durch das Aufhören des Schrecknisses beglaubigt, durch die Versammlung so vieler heiliger Väter bestätigt und bekräftigt und ehedem von den Seraphim zur Bezeichnung der dreipersönlichen Gottheit gesungen worden, durch die unvernünftige Meinung des Walkers gleichsam mit Füßen getreten und wohl gar verbessert worden ist, als übertreffe er die Seraphim. O der Keckheit, um nicht zu sagen, der Torheit! Wir aber sagen, auch wenn Dämonen bersten, so: „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme dich unser!“
Der Monophysit Petrus Fullo (d. i. der Walker) hatte als Patriarch von Antiochien um 470 zum Trishagion: „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher“ (ἅγιος ὁ θεός, ἅγιος ἰσχυρός, ἅγιος ἀθάνατος) [hagios ho theos, hagios ischyros, hagios athanatos] den Zusatz gemacht: „der du für uns gekreuzigt worden“ (ὁ σταυρωθεὶς δ’ ἡμᾶς) [ho staurōtheis d’ hēmas]. ↩
1 Kor. 8, 6. ↩
Orat. 39, 12 (Migne, P. gr. 36, 348 A—B). ↩
Röm. 11, 36. Bis hierher wörtlich aus Gregor v. Naz. ↩
De synodis n. 38 (Migne, P. gr. 26, 760 B). Doctr. Patr. l. c. p. 10, XXX. ↩
Adv. Eunom. l. 3 n. 3 (Migne, P. gr. 29, 661 A). Epist. 226 n. 3 (Migne, P. gr. 32, 848 C). Doctr. Patr. l. c. p. 10, XXVIII, XXXI u. XXXII u. 316, II.). ↩
Or. 38, 8 (Migne, P. gr. 36, 320 B). ↩
Doctr. Patr. l. c. p. 10 u. 316 ff. enthält eine Zusammenstellung von Väterzitaten über das Trishagion. ↩
Orat. 38, 8 (Migne, P. gr. 36, 320 B). Doctr. Patr. de incar. Verb. l. c. p. 316, I. ↩
Athanasius. (?) ↩
Proklus von Konstantinopel, seit 426 Bischof von Cyzikus, seit 434 Patriarch von Konstantinopel, † 446, war im Vereine mit Cyrill von Alexandrien ein feuriger Bekämpfer des Nestorius. ↩
Tatsache ist, daß das Trishagion in dieser Form von Kaiser Theodosius II. (408—450) vorgeschrieben worden ist (vgl. Theoph., Chronogr. Migne, P. gr. 108, 245 s.). In griechisch-lateinischer Form gelangte es zu Anfang des 6. Jahrh. (Konzil von Vaison 529, c. 3) in die gallikanische Meßliturgie (Vgl. Migne, P. l. 72, 90 s.). In St. Gallen sang man bereits im 9. und 10. Jahrhundert bei der Verehrung des heiligen Kreuzes am Karfreitag das griechisch-lateinische Trishagion (Lambillote, Antiphonaire, Brüssel 1867, S. 116 ff. und Paleogr. music. I [Solesmes 1889] 70 f.). ↩
Im Jahre 451. ↩
Concil. Chalcedon. Act. I (Mansi VI 936 C). Doctr. Patr. de incarn. Verb. I. c. p. 318, 10 ff. ↩
