6. Einwürfe aus den Evangelien werden anderwärts aufgelöst. Grund: Die Wahrheit wird nicht einsichtig, wenn nicht die Einwürfe als falsch erwiesen werden.
S. 224 Der Leser möge aber sich dessen bewußt bleiben, daß ich nicht aus Vergeßlichkeit oder aus Mangel an Vertrauen diejenigen Fragen mit Schweigen übergehe, die üblicherweise als Einwürfe entgegengehalten werden. Denn was meist angeführt wird: „Der Vater ist größer als ich”,1 und andere ähnliche Aussprüche, sind mir weder unbekannt noch unverstanden, um nicht gerade auch durch sie das Wesen wahrer Göttlichkeit im Sohn nachweisen zu können. Doch die Reihenfolge unserer Erwiderung soll füglich dieselbe wie die der gegnerischen Aufstellung sein, damit dieses Fortschreiten der rechtgläubigen Lehre genau den Spuren der irrgläubigen Behauptung folge und damit schon die ersten Anzeichen einer Lehre tilge, die auf diesen unheiligen und glaubenslosen Weg abweichen möchte.
Wir wollen also die feierliche Verkündigung der Evangelisten und Apostel bis auf den Schlußteil2 aufschieben und vorbehalten und unsern Kampf gegen die Irrgläubigen ganz auf das Gesetz und die Propheten3 gründen, indem wir bis dahin ihre verlogene und trügerische Verkehrtheit mit den gleichen Worten widerlegen, mit denen sie ihre Täuschung zu vollziehen suchen. Denn anders kann die Wahrheit nicht erkannt werden, als daß die Einwürfe gegen die Wahrheit als falsch aufgedeckt werden; und zwar (geschieht) das mit um so schneidenderer Unehre für die Lügner, als die Lügen selbst der Wahrheit von Nutzen werden. Ist es doch nach dem Empfinden menschlichen Denkens allgemeines Urteil, daß Wahres mit Falschem in jeder Weise unvereinbar sei; ebenso, daß diese beiden Arten von Sachverhalten sich nicht mit wechselseitiger Zustimmung S. 225 umschließen. Denn niemals geht, was getrennt ist, wegen der Unterscheidung in der Art im Widerspruch gegen das Wesen miteinander zusammen, noch auch stimmt, was verschieden ist, miteinander überein, noch auch ist sich gemeinsam, was sich wechselseitig fremd ist.
