3. Von den Dreien, die in dieser Welt sind, dem Guten, dem Bösen und dem in Mitte Liegenden.
Alle Dinge in dieser Welt sind Eins von diesen Dreien: Gut, bös oder in Mitte liegend. Wir müssen also wissen, was gut, was bös und was das Mittlere sei, damit unser Glaube, durch die wahre Wissenschaft befestigt, in allen Versuchungen unerschüttert beharre. Wir müssen nun glauben, daß es in den rein menschlichen Dingen kein höchstes 1 Gut gibt, als allein die Tugend der Seele, welche uns durch aufrichtigen Glauben zum Göttlichen führt und uns jenem unveränderlichen Gute beständig anhängen läßt. Und auf der andern Seite muß man sagen, daß Nichts ein Übel ist als allein die Sünde, die uns von dem guten Gotte trennt und uns mit dem bösen Teufel verbindet. In der Mitte liegt, was nach beiden Seiten gelenkt werden kann je nach der Neigung und der freien Entscheidung des Gebrauchenden, wie z. B. Reichthümer, Macht, Ehre, Körperstärke, Gesundheit, Schönheit, ja das Leben selbst oder der Tod, Armuth, Krankheit des Leibes, Beleidigungen und anderes dem Ähnliches, was je nach der Beschaffenheit und der Neigung des Gebrauchenden entweder zum Guten gehören kann oder zum Bösen. Denn auch der Reichthum wird oft zum Guten nach dem Worte des Apostels, der den Reichen dieser Welt befiehlt, daß sie gerne hergeben, den Dürftigen mittheilen und sich eine gute Grundlage als Schatz für die Zukunft hinterlegen, damit sie durch die Reichthümer das wahre Leben erringen. Auch nach dem S. a447 Evangelium sind sie gut für Jene, welche sich Freunde von dem ungerechten Mammon machen. 2 Dagegen werden sie zum Bösen verkehrt, wenn sie nur zum Verbergen oder zum Wohlleben gesammelt und nicht für den Gebrauch der Dürftigen verwendet werden. — Wie sehr auch Macht und Ehre, Körperstärke und Gesundheit Mitteldinge sind und nach beiden Seiten passend, kann schon dadurch leicht bestätigt werden, daß viele Heilige im alten Testamente Dieß alles besaßen und im höchsten Reichthum, auf dem Gipfel der Ehren und in der Fülle der Kraft stehend Gott doch, wie wir wissen, ganz angenehm waren. Dagegen würden Die, welche all Dieß schlecht gebrauchten und es zum Dienste ihrer Bosheit nöthigten, nicht mit Unrecht bestraft oder vernichtet, was nach den Büchern der Könige häufig geschehen ist. Daß selbst Tod und Leben nur solche Mitteldinge sind, bezeugt die Geburt des hl. Johannes oder des Judas. Denn dem Einen gereichte sein Leben so zum Heile, daß auch Andern seine Geburt Freude gebracht hat, nach jener Stelle: 3 „Und Viele werden sich freuen über seine Geburt.“ Von dem Leben des Andern aber heißt es. 4 „Es wäre ihm gut gewesen, wenn dieser Mensch nicht geboren worden wäre.“ Von dem Tode des Johannes und aller Heiligen wird gesagt: 5 „Kostbar ist in den Augen des Herrn der Tod seiner Heiligen;“ von dem des Judas aber und Ähnlicher: 6 „Der Tod der Sünder ist sehr arg.“ Wie vortheilhaft zuweilen auch die Krankheit des Leibes sei, beweist das Glück jenes armen, mit Geschwüren bedeckten Lazarus. Da die hl. Schrift von Diesem keine anderen Tugendverdienste erwähnt, so hat er dadurch allein, daß er die Armuth und die Krankheit des Körpers so geduldig ertrug, in glückseligstem Loose den Schooß Abrahams als seine Heimath verdient. Wie nützlich und nothwendig Armuth, Verfolgung und Beleidigungen seien, die doch alle S. a448 Welt für Übel ansieht, kann man klar damit beweisen, daß heilige Männer sie nicht nur niemals vermeiden wollten, sondern sie auch mit aller Kraft entweder anstrebten oder standhaft ertrugen und so als Freunde Gottes den Lohn des ewigen Lebens erlangten, wie der hl. Apostel übereinstimmend sagt: 7 „Deßhalb gefalle ich mir in Krankheiten, in Beschimpfungen, Nöthen, Verfolgung, in Drangsal für Christus. Denn wenn ich schwach werde, dann bin ich stark, weil die Kraft in der Schwäche vollendet wird.“ Daher muß man nicht glauben, daß die, welche durch die größten Reichthümer, Ehren und Machtstellungen dieser Welt erhaben sind, hierin ein höchstes Gut erlangt haben, das, wie wir lehren, nur in den Tugenden besteht, sondern nur so ein Mittelding; 8 denn es zeigt sich, daß Derlei wohl den Gerechten und den nach Recht und Nothwendigkeit Gebrauchenden nützlich und vortheilhaft ist (weil es Gelegenheit zu gutem Werk und zu einer Frucht für jenes ewige Leben erzeugt), — daß aber denen, welche solche Hilfsmittel in Bosheit mißbrauchen, dieselben unnütz und ohne Vortheil sind und ihnen Gelegenheit zur Sünde und zum ewigen Tode bereiten.
Er nennt die Tugend höchstes Gut für dieses Leben, insofern sie zu dem eigentlich höchsten Gute, zu Gott, hinführt. ↩
Luk. 16, 9. ↩
Luk. 1, 14. ↩
Matth. 26, 24. ↩
Ps. 115, 6. ↩
Ps. 33, 22. ↩
II. Kor. 12, 10. ↩
Media nennt Cassian durchweg, was wir, dem spätern wissenschaftlichen Sprachgebrauch der Griechen folgend, (ἀδιάφορα) indifferent nennen. ↩
