10. Offenbarung über eine Probe der vollkommenen Keuschheit.
Damit wir nun das Gesagte entweder durch Zeugnisse der Alten oder durch göttliche Wahlsprüche bestätigen, wollen wir, was der hl. Paphnutius theils über die Bewunderung der Zeichen, theils über die Gnade der Reinheit gedacht hat, oder vielmehr, was er durch Offenbarung eines Engels erkannt hat, am besten mit seinen eigenen Worten und Erprobungen darstellen. Dieser hatte nemlich so viele Jahre mit besonderer Strenge gelebt, daß er glaubte, er sei von den Fesseln der fleischlichen Begierde vollkommen befreit, weil er ja fühlte, er habe bei allen Anfechtungen der Teufel, mit denen er lange und sichtbar gekämpft hatte, die Oberhand erhalten. Als er nun einmal bei der An- S. b137 kunft heiliger Männer ein Linsenmuß, was Jene Athera nennen, bereitete, wurde seine Hand im Ofen verbrannt, weil das Feuer, wie es zu geschehen pflegt, überschlug. Dadurch betrübt fing er an, sehr bei sich selbst und schweigend hin- und herzudenken, und sagte: „Warum hat das Feuer nicht Friede mit mir, da mir doch die härteren Kämpfe der Teufel gewichen sind? Oder wenn ich an jenem fürchterlichen Tage des Gerichtes durch das unauslöschliche Feuer gehe, wie wird es mich nicht festhalten und all meine Verdienste untersuchen, da mich jetzt dieses zeitliche und kleine Feuer von aussen nicht schonte?“ Als ihn nun über diesem quälendem Gedanken und dieser Traurigkeit plötzlich Schlaf befiel, da kam ein Engel des Herrn und sprach: „Warum, o Paphnutius, bist du traurig darüber, daß dieses irdische Feuer noch nicht in Friede mit dir ist, da doch in deinen Gliedern die noch nicht bis zur Reinheit ausgebrannte Aufregung der fleischlichen Bewegungen wohnt? So lange in deinem Mark die Wurzeln derselben lebendig sind, werden sie nicht zulassen, daß jenes körperliche Feuer mit dir versöhnt sei. Du wirst dieses nicht anders ohne Schaden fühlen können, als wenn du durch folgendes Kennzeichen alle innern Bewegungen in dir erloschen findest: Geh und nimm eine nackte und sehr schöne Jungfrau, und wenn du sie haltend fühlst, daß die Ruhe deines Herzens unbewegt und die fleischliche Glut in dir im Frieden bleibe, dann wird dich auch die Berührung dieser sichtbaren Flamme sanft und unschädlich streicheln wie die drei Jünglinge von Babylon.“ Der Greis nun, durch diese Offenbarung erschüttert, versuchte zwar nicht die Gefahr der von oben gezeigten Probe, sondern er befragte sein Gewissen und erforschte die Reinheit seines Herzens, und da er zum Schlusse kam, daß das Gewicht seiner Keuschheit sich noch nicht mit dem Gewichte einer solchen Probe ausgleiche, sagte er: „Es ist kein Wunder, wenn ich auch nach dem Aufhören des Kampfes mit den unreinen Geistern den Brand dieses Feuers, den ich für so viel geringer hielt als die grausamen Angriffe der Teufel, doch noch gegen mich wüthen fühle. S. b138 Denn es ist eine größere Tugend und höhere Gnade, die innerliche Begierlichkeit des Fleisches auszulöschen, als die von aussen anstürmenden bösen Geister mit dem Zeichen des Herrn und der mächtigen Kraft des Allerhöchsten zu unterjochen oder sie von besessenen Körpern durch die Anrufung des göttlichen Namens auszutreiben.“ — Damit endete Abt Nesteros seine Rede über die wahre Betätigung der Charismen und hatte uns, die wir zur Zelle des Greises Joseph eilten, welche von der seinen fast sechs Meilen 1 entfernt ist, mit seinem belehrenden Unterrichte begleitet.
Siehe 3. Unterredung, 1. Anmerkung. ↩
