4.
Wie ich schon eingangs bemerkte, hielt sie sich so bescheiden zurück und lebte so verborgen in ihrem Kämmerlein, daß sie niemals den Fuß in die Öffentlichkeit setzte, niemals mit einem Manne sprach und selbst, was besonders zu verwundern ist, ihre jungfräuliche Schwester 1 kaum sah, obwohl sie diese sehr liebte. Sie verbrachte ihre Zeit mit Handarbeit, eingedenk des Schriftwortes: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ 2 Mit ihrem himmlischen Bräutigam unterhielt sie sich im Gebet und Psalmengesang. Eilends besuchte sie die Gräber der Märtyrer, so daß sie kaum gesehen wurde. Gerade diese Andachtsübung machte ihr besondere Freude, die sich dadurch steigerte, daß niemand darum wusste. Ihre Nahrung bestand das ganze S. 121 Jahr über in ständigem Fasten, so daß sie zwei bis drei Tage hintereinander nüchtern blieb. 3 Kam aber die Fastenzeit heran, spannte sie die Segel ihres Schiffleins völlig auf, indem sie jetzt heiteren Antlitzes diese Praxis Woche auf Woche übte. Den Menschen mag es unglaubwürdig vorkommen, aber mit Gottes Hilfe ist es möglich, daß sie trotz dieser Lebensweise das fünfzigste Lebensjahr erreichte, ohne irgendwelche Magenbeschwerde und ohne Nachteil für die Verdauungsorgane. Ohne daß sie irgendwie wund werden, kann sie ihre Glieder auf dem harten Boden niederstrecken. An ihrer vom Bußgewand gescheuerten Haut ist kein übler Geruch, keine Spur von Unreinlichkeit wahrzunehmen. Im Gegenteil, ihr Körper ist vollkommen gesund, ihr Geist noch frischer. So wurde die Einsamkeit für sie eine Stätte der Freude, und inmitten des Getriebes der Weltstadt hatte sie es verstanden, sich eine Einsiedelei zu schaffen.
