18.
Warum wollen wir solches Leben, meine Freunde und Brüder? Warum leiden wir unserseits seelisch an einer Krankheit, die noch viel schlimmer ist als körperliches Leiden? Die eine Krankheit ist doch unfreiwillig, S. 287 die andere aber freiwillig; die eine hat mit diesem Leben ihr Ende, die andere begleitet uns, wenn wir diese Welt verlassen; die eine findet Mitleid, die andere Haß ― wenigstens bei den Verständigen. Warum helfen wir nicht der Natur, solange wir noch Zeit haben? Warum bedecken wir, die wir doch selbst Fleisch sind, nicht die Not des Fleisches? Warum schwelgen wir beim Unglück der Brüder? Es sei mir ferne, mich zu bereichern, während diese darben, oder mich wohl zu fühlen, solange ich ihre Wunden nicht lindern kann, oder mich zu sättigen und einzuhüllen und mich gemütlich unter einem Dache niederzulassen, solange ich ihnen nicht Brot, genügend Kleidung und Erholung unter meinem Dache geben kann. Entweder müssen wir alles Christus zu Liebe hingeben, um mit dem Kreuze beladen, ihm aufrichtig zu folgen und leicht und frei, von nichts niedergedrückt, in den Himmel zu folgen und, durch Demut erhöht und durch Armut bereichert, gegen alles Christus einzutauschen; oder wir müssen unseren Besitz mit Christus teilen, um ihn durch Anteilnahme der Armen zu einem guten Besitz zu machen und so ihn gewissermaßen zu heiligen. Für mich mag ich säen, doch andere sollen mit mir die Früchte teilen. Mit Job will auch ich das Wort sprechen: „Statt Weizen mögen Disteln, statt Gerste Dornen bestimmt sein1“; versengender Wind möge kommen und Wirbelsturm möge meine Arbeiten erfassen, so daß ich mich umsonst geplagt habe; noch in dieser Nacht soll meine Seele von mir gefordert werden, auf daß ich Rechenschaft gebe wegen meiner Habsucht, wenn ich Scheunen baue und Schätze sammle für den Mammon!
Job 31, 40. ↩
