7. Der Krieg gegen die Thüringer
Danach rief Theuderich, an den Treubruch des Thüringerkönigs Hermenefred gedenkend1, seinen Bruder Ehlothachar zu Hülfe und rüstete sich gegen jenen auszuziehen; er versprach aber König Ehlothachar einen Teil der Beute, wenn ihnen der Himmel den Sieg verliehe Und als er die Franken versammelt hatte, sprach er zu ihnen also: »Denket, ich bitte euch, voll Ingrimm an die Schmach, die mir angetan, und an den Mord eurer Väter2. Erinnert euch daran, wie die Thüringer einst über unsere Väter mit Gewalt hereinbrachen und ihnen viel Leid zufügten, da diese ihnen doch Geißeln stellten und Frieden mit ihnen machen wollten. Aber jene töteten die Geißeln auf S. 140 verschiedene Art, brachen herein über eure Väter, nahmen ihnen alle ihre Habe, hingen die Knaben mit den Sehnen de: Schenkel an die Bäume und ließen mehr als zweihundert Mädchen eines grausamen Todes sterben. Denn sie banden ihre Arme an den Hälsen von Pferden fest und peitschten diese mit aller Gewalt, da stoben die Pferde nach entgegengesetzten Seiten auseinander und zerrissen die Mädchen in Stücke. Andere legten sie auf die Wagengeleise der Landstraßen, befestigten sie mit Pfählen am Boden und ließen schwere Lastwagen darüber« gehen, die ihnen die Glieder zerbrachen: dann warfen sie die Leiber den Hunden und Vögeln zur Speise vor. Und nun hält Hermenefred mir nicht das Versprechen, das er mir gab, und will es in keiner Weise erfüllen. Seht, wir haben eine gerechte Sache! Laßt uns also unter Gottes Beistand gegen sie ziehen!« Da sie das hörten, wurden sie voll Ingrimm über solchen Schimps, und sie zogen einmütig alle nach Thüringen. Theuderich aber nahm seinen Bruder Chlothachar und seinen Sohn Theudebert zur Hilfe mit sich und rückte ins Feld. Als die Franken nun heranzogen, stellten die Thüringer ihnen eine Falle. Auf dem Felde nämlich, wo der Kampf entschieden werden mußte, gruben sie Löcher; deren Ofsnungen wurden mit dichtem Rasen bedeckt, so daß es eine gleiche Fläche zu sein schien. Jn diese Löcher nun stürzten viele der Fränkischen Reiter, als es zum Schlagen kam, und konnten so nicht von der Stelle; nachdem man aber die List gemerkt hatte, fing man an, achtsam zu sein. Als aber die Thüringer sahen, daß sie großen Verlust erlitten hatten, wandten sie, da auch ihr König Hermenefred schon die Flucht ergriffen hatte, den Rücken und kamen bis zum Unstrut-Fluß. Dort wurden so viele Thüringer niedergemacht, daß das Bett des Flusses von der Masse der Leichname zugedämmt wurde, und die Franken über sie, wie über eine Brücke, auf das jenseitige Ufer zogen. Nach diesem Siege nahmen S. 141 diese sofort das Land in Besitz und brachten es unter ihre Botmäßigkeit3.
Ehlothachar führte Radegunde, die Tochter König Berthacharssp bei feiner Rückkehr als Gefangene mit sich und nahm sie alsdann zum Weibe. Da er aber später ihren Bruder ungerechterweise durch schändliche Menschen töten ließ4, wandte sie sich zu Gott, legte das weltliche Gewand ab, baute sich ein Kloster in der Stadt Poitiers und tat sich durch Gebet, Fasten, Wachen und Almosengeben so hervor, daß sie einen großen Namen unter dem Volke gewann5.
Als aber die erwähnten Könige noch zusammen im Thüringerlande waren, machte Theuderich einen Anschlag, seinen Bruder Ehlothachar zu töten. Er hielt im Geheimen bewaffnete Männer in Bereitschaft, und ließ jenen zu sich rufen, gleich als ob er im Vertrauen etwas mit ihm verhandeln wollte. Jn dem Teile des Hauses aber, wo sie zusammenkommen sollten, ließ er einen Vorhang ausspannen von einer Wand zur andern und stellte hinter demselben die Bewaffneten auf. Der Vorhang war jedoch zu kurz, und die Beine der Bewaffneten wurden sichtbar. Als Chlothachar dies in Erfahrung brachte, ging er mit den Seinen S. 142 bewaffnet in das Haus und Theuderich erkannte, jener habe Kunde von allem. Da ersann er sich eine Ausflucht und sprach bald von diesem, bald von jenem. Dieweil er aber endlich doch nicht wußte, wie er seinen Betrug weiter beschönigen sollte, gab er ihm eine große silberne Schale zum Geschenk6 Chlothachar sagte ihm Lebewohl, dankte ihm für das Geschenk und kehrte in seine Wohnung zurück. Theuderich aber beklagte sich bei den Seinigen, daß er so ohne alle Ursache seine Schale habe dahin« geben müssen, und sprach zu seinem Sohne Theudebert: »Gehe zu deinem Oheim und bitte ihn, er möchte das Geschenk, das ich ihm gemacht, dir aus gutem Herzen wiedergeben« Theudebert ging und erhielt, worum er bat. In solchen Ränken war Theuderich sehr bewundert.
94·Wenn, er sei deshalb getötet worden, weil er aus der Geiselschaft zu den Griechen fliehen wollte.
Vgl. Kap. 4. ↩
Wahrscheinlich ist die Rede von früheren Kriegen der Thiiringcsr mit den Rtbuarischen Franken, die Gregor nicht erzählt. ↩
Der. nördlich von der Unstrut belegene Teil des Reichs kam an die Sachsen, die Theuderich damals (nach anderen Quellen) unterstützten Alles, was südlich der Unstrut lag, erhielt Theuderich. Das Land um den Main wurde später in fränkisches Land verwandelt. Der Name Thüringen blieb nur dem Teile in der Mitte von der Unstrut bis zum Kamm des Waldgebirges, wo sich die Eigentümlichkeit des Stammes am meisten erhielt. ↩
Vgl. Venantius Fortunatus in seinem Gedicht über den Untergang ThürinAEUZ lxskpps I, 174 ff:). hWilh. Meyer, Der Gelegenheitsdichter Venantius Fortunatus ↩
Bei Radegunfdeffaiid der Jtalische Dichter Veniintiiis Fortunatus (-sum 600 ab: Vklfchksf Um) Poitiersx der auch Giregors Freund ivar und dessen noch öfters zu gibt« U! Ist: »Du» freundlichste Aufnahme. Er war in der Folge ihr vorzügliehster 8.1"tiitxtzxlxnuiid Leiter, Tvidniete ihr zahlreiche größere und kleinere Dichtimgeti nnd schrieb . ) ihrem Tode («)87) Ihre V1DlZVt1pl)ie. Wir haben von ihni eiii ausführliches Gedicht uber die Zerstörung diss Thüringerreichs (App. 1). ↩
Solche Schalen (disci) werden gerne zu GEfchEUkEU VEUVEUDCP sp z« V« VVCU B. I, Kap. III. Vgl. Baudrillart, Histoire du luxe 11.I, 35 f.. 18.75 wurde ern detartiges Stück, über zwei Kilogramm schwer, bei Feltre m Oberttalken gefunden, UUE Inschrift nannte den Vandalenkönig Gelimer (als Eigentümer oder SchenkerdOxällxllki Mommsen im Neuen Archiv der Gesellschaft f. altere deutsche GEfchIchHskUU E · (1883) 353 (= Ges. Schriften 1v, 565) und XI (1886) 630 (mit Abbtlduvgx dlsss wiederholt CIL. V1II, 17412). » » ↩
