2. Herrliches Wunder in Betreff der erlangten Reinheit des Leibes, und Frage des genannten Greises über den Zustand unserer Gedanken.
Dieser also mühte sich um die innere Reinheit des Herzens und der Seele Tag und Nacht in Gebeten, Fasten und Wachen unaufhörlich ab, und als er nun sah, daß er das Verlangen seiner Gebete erreicht habe und daß alle Glut der fleischlichen Begierde in seinem Herzen ausgelöscht sei, da entbrannte er, aus Eifer für die Keuschheit und gleich als sei er durch den süßesten Geschmack der Reinheit gierig gemacht, in einem noch größern Durste darnach, und fing an, sich noch heftiger auf Fasten und Gebet zu verlegen, daß die Abtödtung dieser Leidenschaft, welche durch Gottes Gabe seinem innern Menschen verliehen war, sich auch so sehr auf die Reinheit des äussern Menschen erstrecke, daß er nicht einmal von jener einfachen und natürlichen Bewegung, die auch in Kindern und Säuglingen erregt wird, fernerhin beunruhigt werde. Er war also durch die Erfahrung der empfangenen Gabe, die er nicht durch das Verdienst seiner Mühe, wie er wohl wußte, sondern durch Gottes Gnade erlangt hatte, noch mehr ermuthigt, auch das Andere in ähnlicher Weise zu erhalten, und glaubte, Gott könne viel leichter diese Stachel des Fleisches mit der Wurzel ausreissen, die ja auch die Geschicklichkeit der menschlichen Kunst zuweilen mit gewissen Getränken und Arzneien oder dem Schnitte des Messers zu beseitigen pflegt, wenn er schon einmal durch seine Gnade jene Reinheit des Geistes verliehen habe, die höher ist und die durch menschliches Mühen und Streben unmöglich erfaßt werden kann. Als er nun dem begonnenen Flehen mit beständigen Bitten und Thränen oblag, da kam in nächtlichem Gesichte ein Engel zu ihm, öffnete gleichsam seinen Leib, riß eine S. a471 feurige Fleischdrüse von seinen Eingeweiden ab und warf sie weg, und nachdem er alle Eingeweide wieder an ihren Ort, wo sie gewesen, gelegt hatte, sprach er: „Siehe, was dein Fleisch entzünden kann, ist weg und du sollst wissen, daß du am heutigen Tage die beständige Reinheit des Leibes erlangt hast, um welche du so treu flehtest.“ Diese wenigen Worte mögen genügen über diese Gnade Gottes, welche dem erwähnten Manne in so besonderer Weise verliehen wurde. Im Übrigen halte ich es für überflüssig, Etwas von jenen Tugenden zu erwähnen, welche er gemeinsam mit den andern größten Männern besaß, damit nicht eine solche besondere Aufzählung bei diesem Namen den Andern Das zu nehmen scheine, was von diesem besonders ausgesagt wird. Diesen also suchten wir, glühend von dem größten Verlangen nach feiner Unterredung und Belehrung, in den Tagen der Quadragesima zu sehen. Als er uns über die Beschaffenheit unserer Gedanken und den Zustand des innern Menschen in der ruhigsten Anrede erforscht hatte, und auch darüber, was uns denn zur innern Reinigung der so lange Aufenthalt in der Wüste genützt habe, da lagen wir ihm mit folgenden Klagen an:
