8. Wie sehr Jene hervorragen, die sich aus Liebe von den Lastern abwenden.
Aber bei diesem Worte demüthiger Buße eilte der Vater ihm entgegen, nahm ihn mit größerer Innigkeit, als Jener gesprochen hatte, auf, und nicht zufrieden, Das Geringere zu gewähren, überschritt er ohne Zögern die zwei ersten Stufen und setzte Jenen wieder in die frühere Sohneswürde ein. Wir müssen also eilen, daß wir zu der dritten Stufe der Söhne, die da alles Gut des Vaters auch für S. b16 Das ihrige halten, durch die Gnade unauflöslicher Liebesbande aufsteigen und Das Bild und die Ähnlichkeit mit diesem himmlischen Vater zu erlangen vermögen, so daß wir nach dem Beispiele seines wahren Sohnes ausrufen können: 1 „Alles, was der Vater hat, ist mein.“ Das sagt auch der Hl. Apostel von uns mit den Worten: 2 „Alles ist Euer, sei es Paulus oder Apollo oder Cephas, sei es Welt, Leben oder Tod, Gegenwart oder Zukunft — Alles ist Euer.“ Ebenso fordert uns zu dieser Ähnlichkeit auch Das Gebot des Erlösers auf, der da sagt: 3 „Seid auch ihr vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Es pflegt hier zuweilen die Liebe zum Guten unterbrochen zu werden, wenn der Schwung des Gemüthes durch Lauheit oder Freude und Ergötzlichkeit nachläßt und so für den Augenblick entweder die Furcht vor der Hölle oder Das Verlangen nach dem Jenseits wegnimmt. Es ist aber ja auch der Fortschritt ein stufenreicher, der uns nach und nach einführt, so daß wir aus Furcht vor der Strafe und aus Hoffnung auf Lohn beginnen, die Laster zu meiden, und dann zu der Stufe der Liebe übergehen können, weil „Furcht“, wie es heißt, 4 „nicht ist in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe die Furcht auftreibt, da die Furcht Pein hat; wer aber fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe; lieben wir dann Gott, weil Gott uns zuerst geliebt hat.“ Nicht anders also werden wir zu jener wahren Vollkommenheit aufsteigen können, als wenn wir, wie Jener uns aus keiner andern Ursache als wegen unseres Heils zuerst geliebt bat, so nun auch ihn wegen nichts Anderem lieben, als wegen seiner Liebe. Wir müssen uns also bestreben, daß wir von obiger Furcht zur Hoffnung, von der Hoffnung zur Liebe Gottes oder der Tugenden selbst mit voller Geistesglut aufsteigen, so daß wir übergehend zur Liebe des Guten selbst, so unbeweglich, als es der menschlichen Natur möglich ist, Das festhalten, was gut ist.
