3. Antwort, daß ohne die Hilfe Gottes nicht nur nicht die Vollkommenheit der Keuschheit, sondern überhaupt nichts Gutes fertig gebracht werden könne.
Chäremon: Gerade durch Das vorgelegte Beispiel wird noch deutlicher gezeigt, daß der Fleiß des Arbeitenden ohne die Hilfe Gottes Nichts ausrichten könne. Denn es wird der Landmann, wenn er auch Alles versucht hat für die Bebauung der Ländereien, doch nicht sofort auch Das Gedeihen der Saaten und den Reichthum an Früchten seiner Thätigkeit zuschreiben können, da er schon oft erfahren hat, wie vergeblich dieselbe ist, wenn nicht rechtzeitiger Regen und ein ruhiger heiterer Winter sie begleitet. Haben wir deßhalb doch oft die schon hochgewachsenen und in voller Reife schweren Früchte gleichsam den sie schon in Händen Haltenden entrissen gesehen, so daß den Arbeitern ihre beharrliche Ausdauer im Schweiße Nichts eintrug, weil sie nicht von Gottes Hilfe beschützt war. Wie nun die göttliche Güte trägen Landleuten, die ihre Fluren nicht fleissig unter die Pflugschar bringen, keine reiche Ernte verleiht, so wird auch den Arbeitenden ihre nächtliche Sorge Nichts nützen, wenn sie nicht durch die Barmherzigkeit des Herrn gesegnet wird. Suche doch ja der menschliche Hochmut sich hierin nicht der göttlichen Gnade gleichzustellen oder beizumischen und sich seinen Antheil an den Gottesgaben dadurch zu nehmen, daß er seine Mühe für die bewirkende Ursache der göttlichen Freigebigkeit halte und sich rühme, es habe der Erfolg so reicher Früchte dem Verdienste seiner Thätigkeit entsprochen. Er mag sicher sein und es in wahrheitsliebender Prüfung erwägen, daß er aus eignen Kräften die Anstrengungen, denen er im eifrigen Verlangen nach Reichthum sich unterzog, nicht einmal hätte aufwenden können, wenn ihn nicht zu Vollbringung einer jeden ländlichen S. b60 Arbeit die gnädige Hilfe Gottes gestärkt hätte; und sein Wille und seine Kraft wären unwirksam gewesen, wenn nicht die göttliche Güte ihm die Möglichkeit zu arbeiten verliehen hätte, die bald durch zu viele Trockenheit, bald durch übermäßigen Regen genommen wird. Denn wenn auch die Wohlthat der Kraft und die Gesundheit des Körpers, der Erfolg der Arbeit und Das Gelingen der Unternehmungen vom Herrn geschenkt wird, so darf man doch noch beten, daß nicht, wie geschrieben steht, der Himmel werde wie Erz und die Erde wie Eisen, 1 und damit nicht, was übrig ließ die Heuschrecke, verzehre der Käfer, und was übrig ließ der Käfer, zernage die Raupe, und was übrig ließ die Raupe, vernichte der Mehlthau. 2 Und nicht nur hierin bedarf der Fleiß des arbeitenden Landmannes der göttlichen Hilfe, sondern sie muß auch unverhoffte Fälle abwenden, durch welche, wenn auch der Acker voll wäre von dem erwünschten ReIchthum an Früchten, doch nicht nur seine Hoffnung und Erwartung eitel und nichtig würde, sondern er auch um die ganze Menge der schon geärnteten und in Tenne und Scheune untergebrachten Früchte kommen könnte. Daraus nehmen wir offenbar ab, daß nicht nur der Anfang der Handlungen, sondern auch der guten Gedanken von Gott sei, der uns sowohl die Keime des guten Willens einflößt als auch Kraft und Gelegenheit gibt, unsere guten Begierden auszuführen: „denn jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk ist von oben, kommt vom Vater des Lichts,“ 3 der Das Gute in uns anfängt und ausführt und vollendet, wie der Apostel sagt: 4 „Der aber Samen gibt dem Säenden, wird auch Brod zum Essen geben und wird mehren euern Samen und wachsen machen die Früchte eurer Gerechtigkeit.“ Bei uns aber steht es, täglich der uns ziehenden Gnade Gottes demüthig zu folgen oder aber „mit hartem Nacken“ und, wie geschrieben S. b61 steht, „unbeschnittenen Ohren“ 5 ihr zu widerstehen, so daß wir durch Jeremias zu hören verdienen: 6 „Wird dann nicht aufstehen, wer fällt, und nicht zurückkehren, der sich abwandte?“ Warum also ist abgewendet dieß Volk in Jerusalem mit beharrlicher Abkehr? Verhärtet haben sie ihre Nacken und wollten nicht zurückkehren.
