4. Einwendung, wie von den Heiden gesagt werden könne, daß sie ohne Gottes Gnade doch die Keuschheit gehabt hätten.
Dieser Meinung, deren Pietät von uns nicht geradezu mißbilligt werden kann, scheint Das entgegenzustehen, daß sie auf Vernichtung der Freiheit hinausläuft. Denn da wir sehen, daß viele Heiden, die doch wohl die Gnade der göttlichen Hilfe nicht verdienen, doch nicht nur durch die Tugenden der Nüchternheit und Geduld, sondern auch, was merkwürdiger ist, durch die der Keuschheit glänzen, wie sollen wir da glauben, daß diese ihnen, da die freie Willenskraft gefesselt ist, durch Gottes Gnadengabe verliehen wurden? Sollen doch in der That Jünger der weltlichen Weisheit, obwohl sie nicht nur die Gnade Gottes, sondern auch den wahren Gott selbst durchaus nicht kannten, doch die größte Reinheit der Keuschheit durch den Fleiß eigenen Ringens besessen haben, wie wir theils aus der Lektüre, theils durch Mittheilung Anderer erfahren haben!
