18. Lehrbestimmung der Väter darüber, daß der freie Wille nicht im Stande sei, uns zu retten.
Daraus schließen nun mit festem Beweisgrund Jene, welche nicht nach Redseligkeit, sondern nach der Lehre der Erfahrung entweder die Größe der Gnade oder das kleine Maaß der menschlichen Freiheit messen: daß nicht den Leichtfüßigen der Lauf, nicht den Starken der Kampf, nicht den Weisen das Brob oder den Klugen der Reichthum und S. b95 den Wissenden die Gnade zuzuschreiben ist, sondern daß Dieß alles ein und derselbe Geist wirkt, der einem Jeden austheilt, wie er will. Und deßhalb ist es durch unzweifelhafte Glaubwürdigkeit und so zu sagen durch handgreifliche Erfahrung bewährt, daß der Gott des Weltalls wie der zärtlichste Vater und gütigste Arzt nach dem Apostel ohne Unterschied Alles in Allen wirke, 1 und daß er nun die Anfänge des Heiles einflöße und Jedem die Inbrunst des guten Willens gebe; nun aber die Verwirklichung der That und die Vollendung der Tugenden schenke und dann wieder Andere ohne ihr Wissen und Wollen von dem schon ganz nahen Sturze und jähen Falle zurückziehe; daß er ferner Gelegenheiten und günstige Umstände des Heiles herbeiführe und übereilte, gewaltige Versuche an ihrem todbringenden Walten hindere; daß er die Einen nach ihrem Wollen und Laufen aufnehme, Andere aber gegen ihr Wollen und Widerstreben anziehe und zum guten Willen zwinge. 2 Daß aber nicht Dieß alles den immer Widerstrebenden und beharrlich Nichtwollenden von der Gottheit zugestanden werde, und daß die Hauptsache unseres Heiles nicht dem Verdienste unserer Werke, sondern der göttlichen Gnade zuzuschreiben sei, lehrt uns das Wort des Herrn wie folgt: 3 „Und ihr werdet gedenken eurer Wege und all eurer Laster, in denen ihr euch befleckt habt, und ihr werdet Abscheu haben vor euch selbst wegen all der Bosheit, die ihr gethan, und werdet erkennen, daß ich der Herr bin, wenn ich euch werde Gutes erzeigt haben um meines Namens willen, nicht gemäß eurer bösen Wege und nicht nach euren argen Lastern, S. b96 o Haus Israel!“ Und so wird denn von allen katholischen Vätern, welche die Vollkommenheit des Herzens nicht durch eitles Gerede, sondern in That und Wahrheit gelernt haben, festgesetzt, es sei Sache des göttlichen Gnadengeschenkes: erstens, daß Jeder zum Verlangen nach allem Guten entflammt werde, jedoch so, daß die Entscheidung des freien Willens nach beiden Seiten hin vollständig bewahrt bleibe. So sei es ferner zweitens Sache der Gnade Gottes, daß die besagte Übung der Tugenden verwirklicht werden könne, aber so, daß die Möglichkeit der Freiheit nicht unterdrückt werde. Drittens gehöre es zu den Gnadengaben Gottes, daß die Beharrlichkeit in der erworbenen Tugend bewahrt werde, jedoch so, daß die uns geschenkte Freiheit keine Gefangenschaft fühle. Denn man muß glauben, daß der Gott des Weltalls so Alles in Allen Wirke, daß er anregt, beschützt und stärkt, nicht aber so, daß er die Freiheit der Wahl, welche er selbst nun einmal zugestanden hat, hinwegnehme. Wenn wirklich Etwas, was menschliche Beweisführung und Vernunftarbeit gar zu fein ausgedacht hat, diesem Sinne zu widersprechen scheint, so muß man es viel eher vermeiden als zur Zerstörung des Glaubens hervorziehen; denn wir erwerben nicht den Glauben durch die Einsicht, sondern die Einsicht durch den Glauben, wie geschrieben steht: 4 „Wenn ihr nicht glaubet, werdet ihr nicht einsehen.“ Kann ja doch nach meiner Meinung mit menschlichem Sinn und Verstand nicht vollkommen erfaßt werden, wie einerseits Gott Alles in uns wirke, anderseits wieder Alles dem freien Willen zugeschrieben werde, dem gesagt wird: 5 „Wenn ihr wollt und auf mich hört, so sollt ihr das Beste der Erde essen.“ 6 Mit dieser (geistigen) S. b97 Speise stärkte uns der gottselige Chäremon und bewirkte, daß wir die Mühe des unwegsamen Marsches nicht fühlten.
I. Kor. 12, 6. 11. Wenn Gott ohne Unterschied Alles in Allen wirkt, warum macht dann Cassian doch einen Unterschied, indem er Einige ausnimmt, in denen Gott nicht Alles wirkt, besonders nicht den Anfang des Heils? ↩
Das ist zu viel. Die Gnade kann den guten Willen erzeugen, aber sie „zwingt“ Niemanden dazu; das hieße ja nicht „Wollen erzeugen“. ↩
Ezech. 20, 43. 44. ↩
Is. 7, 9. Septuag.: οὐδὲ μὴ συνῆτε !! ↩
Is. 1, 19. ↩
Hier, vor den paar Schlußworten schaltete der große Theologe Dionys der Karthäuser in seiner „Paraphrase der Collationen“ eine 3 Folio-Seiten lange Recapitulation der ganzen 13. Unterredung ein, in welcher er die guten Stellen Cassians beibehielt, die irrigen aber durch korrekte Darstellungen ersetzte. J. Lavardin, der vor ungefähr 250 Jahren die Unterredungen in’s Französische überletzte, nahm statt der ganzen 13. Coll. nur diese Rekapitulation auf. Diese Vorsicht war sehr weise, aber er hatte ein anderes Publikum zu berücksichtigen als wir, und so ist sie für uns wohl unnöthig, wie auch jede fernere Mahnung, es möge sich Niemand beirren lassen durch die häretischen Aeusserungen Chäremons, die ja doch nur bei oberflächlichem Denken verfänglich sein können. Leider ist auch Petrus Ciaconius, der vor unserm Alardus Gazäus die Collationen mit Anmerkungen herausgab, in seiner Verehrung und Verteidigung Cassians zu weit gegangen, so daß seine Bemerkungen oft so häretisch sind als der Text Chäremons. Es sei hiemit vor ihm gewarnt. ↩
