IX. KAPITEL. Von den Wassern.
Auch das Wasser ist eines der vier Elemente, ein überaus schönes Gottesgebilde. Das Wasser ist ein nasses und kaltes, schweres und abwärtsstrebendes, leicht zerfließendes Element. Seiner erwähnt die göttliche Schrift, wenn sie sagt: „Und Finsternis war über dem Abgrund, und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser 1.“ Abgrund ist nichts anderes als viel Wasser, dessen Ende für Menschen unerreichbar ist. Am Anfang überflutete das Wasser die ganze Erde. Zuerst schuf Gott das Firmament, welches das Wasser ober S. 67 dem Firmament vom Wasser unter dem Firmament schied 2. Denn es ward inmitten des Abgrunds der Wasser durch den Befehl des Herrn festgemacht. Deshalb sprach ja Gott, es solle eine Feste werden, und es geschah 3. Weshalb aber brachte Gott ober dem Firmamente Wasser an? Wegen der äußerst heißen Glut der Sonne und des Äthers. Denn gleich nach dem Firmament ist der Äther ausgebreitet. Auch die Sonne mit dem Mond und den Sternen sind am Firmament. Läge nicht Wasser darüber, so würde vor Hitze das Firmament verbrennen 4.
Sodann befahl Gott, die Wasser sollen sich sammeln an einen Sammlungsort 5. Der Ausdruck „ein Sammlungsort“ bedeutet nicht, daß sie sich an einem Orte sammelten. Denn sieh, hernach heißt es: „Und die Ansammlungen der Wasser nannte er Meere 6.“ Nein, der Ausdruck zeigt an, daß die Wasser auf einmal für sich, getrennt von der Erde, entstanden. Es sammelten sich also die Wasser an ihre Sammlungsorte, und es erschien das Trockene 7. Daher die zwei Meere 8, die Ägypten S. 68 umgeben, denn dieses liegt zwischen zwei Meeren. Es sammelten sich verschiedene Meere, die Berge, Inseln, Vorgebirge und Häfen haben und verschiedene Busen, Flach- und Steilküsten umgeben. Flachküste (Strand) heißt die sandige [Küste], Steilküste die felsige, an der das Meer tief ist, die gleich am Anfang eine Tiefe hat. In gleicher Weise [sammelte sich] auch das gegen Aufgang gelegene Meer, welches das Indische heißt, und das nordische, welches das Kaspische heißt. Auch die Seen sammelten sich von da an.
Der Ozean umkreist wie ein Fluß die ganze Erde. Von ihm hat, wie mir scheint, die göttliche Schrift gesagt: „Ein Fluß geht aus vom Paradiese 9.“ Er hat trinkbares und süßes Wasser. Er liefert das Wasser den Meeren. Ist dieses eine Zeitlang in den Meeren und steht es unbewegt, dann wird es bitter. Denn die Sonne und die Wasserhosen ziehen das Feinere in die Höhe. Daher bilden sich auch die Wolken und entstehen die Regengüsse. Mittels der Durchseihung wird das Wasser süß.
Dieser [Ozean] teilt sich auch in vier Anfänge oder in vier Flüsse. Der Name des ersten ist Phison, d. i. der indische Ganges. Der Name des zweiten ist Gehon, d. i. der Nil, der von Äthiopien nach Ägypten hinabfließt. Der Name des dritten ist Tigris und der Name des vierten Euphrat 10. Es gibt aber auch sehr viele und sehr große andere Flüsse, wovon die einen sich in das S. 69 Meer entleeren, die andern auf der Erde verschwinden. Darum ist die ganze Erde durchlöchert und unterwühlt, sie hat gleichsam Adern, durch die sie vom Meere die Wasser aufnimmt, die Quellen ergießt. Je nach der Beschaffenheit der Erde also wird auch das Wasser der Quellen. Denn durch die Erde wird das Meerwasser geseiht und geläutert und wird so süß. Ist aber der Ort, wo die Quelle entspringt, etwa bitter oder salzig, so quillt je nach der Erde auch das Wasser hervor. Oft aber wird das Wasser, wenn es eingeengt ist und mit Gewalt hervorbricht, warm. Daher kommen die von Natur warmen Wasser.
Durch den göttlichen Befehl entstanden also Höhlungen in der Erde, und so sammelten sich die Wasser an ihre Sammlungsorte. Dadurch sind auch die Berge entstanden 11. Dem Urwasser nun befahl Gott, lebendes Wesen hervorzubringen 12. Denn durch das Wasser und den Hl. Geist, der am Anfang über den Wassern schwebte 13, wollte er den Menschen erneuern 14. Das sagte nämlich der göttliche Basilius 15. Es (═ das Urwasser) brachte Tiere hervor, kleine und große, Meerungeheuer, Drachen, Fische, die in Wassern schwimmen, und Flugtiere. Durch die Flugtiere also stehen das Wasser und die Erde und die Luft miteinander in Verbindung. Denn aus den Wassern sind diese entstanden, auf der Erde aber leben sie und in der Luft fliegen sie. Ein ganz vortreffliches und ungemein nützliches Element ist das Wasser, es reinigt von Schmutz, nicht bloß von körperlichem, sondern auch von seelischem, wenn es die Gnade des Geistes aufnimmt.
Von den Meeren 16.
Das Ägäische Meer nimmt der Hellespont auf, der bei Abydus und Sestus aufhört. Dann die Propontis, S. 70 die bei Chalzedon und Byzanz aufhört; dort ist die Enge, mit der der Pontus beginnt. Dann der Mäotische See (═ das Asowsche Meer). Ferner am Anfang von Europa und Libyen das Iberische Meer, von den Säulen [des Herkules] bis zu den Pyrenäen; das Ligurische Meer bis zu den Grenzen Tyrrheniens; das Sardinische, das sich jenseits von Sardinien bis hinab gegen Libyen erstreckt; das Tyrrhenische, das bis Sizilien reicht und am äußersten Ende Liguriens beginnt; dann das Libysche, dann das Kretische, Sizilische, Jonische und das Adriatische, das sich aus dem Sizilischen Meere ergießt, das man auch Korinthischen Meerbusen oder Alkyonisches Meer nennt. Das vom Sunischen und Skilläischen [Meer] umfaßte Meer ist das Saronische. Dann das Myrtoische und Ikarische, in dem auch die Cykladen sind. Dann das Karpathische, Pamphylische und Ägyptische. Die Fahrt an Europa vorbei von der Mündung des Flusses Tanais (Don) bis zu den Säulen des Herkules beträgt 609 709 Stadien; die an Libyen (Afrika) vorbei von Tingis 17 bis zur Kanopischen (oder westlichen) Nilmündung 209 252 Stadien; die Fahrt an Asien vorbei von Kanopus bis zum Flusse Tanais nebst den Busen 4111 Stadien. Zusammen beträgt die Küstenausdehnung unserer bewohnten Erde einschließlich der Busen 1 309 072 Stadien.
Gen. 1, 2. ↩
Gen. 1, 7. ↩
Ebd. [Gen.] 1, 6. ↩
Johannes teilt hier die plumpe, realistische Auffassung des Bischofs Severian von Gabala in Syrien. Dieser denkt sich die Bildung des Firmaments buchstäblich als Entstehung eines στερέωμα [stereōma] (Feste) inmitten des Wassers. Zur Veranschaulichung setzt er den Fall, die Wasser hätten dreißig Ellen über der Erdoberfläche gestanden. Auf den göttlichen Befehl: „Es werde ein Firmament inmitten der Wasser und es scheide Wasser von Wassern“ (Gen. 1, 6) „bildete sich in der Mitte dieser Wasserschichte eine kristallartige Feste, die mit der über ihr lastenden Ozeanhälfte sich in die Höhe hob zur jetzigen Lage des Firmamentes, während die untere Wasserhälfte weiterhin die Erde überflutete“. (Or. II, 3 in mundi creationem. Migne, P. gr. 56, 442. Vgl. Or. III, 6 l. c. 454. Zellinger, a. a. O. S. 75). Im Grunde vertritt Severian in diesem Punkte nur die Lehrmeinung der syrisch-antiochenischen Schule (Zellinger, a. a. O. S. 75 f.). Auch in der Frage nach der Zweckbestimmung der Wasser ober dem Firmament schließt sich Johannes an den Bischof von Gabala an (Or. II, 3 Migne, P. gr. 56, 442. Zellinger, a. a. O. S. 77). ↩
Gen. 1, 9. ↩
Ebd. [Gen.] 1, 10. ↩
Ebd. [Gen.] 1, 9. ↩
Das Mittelländische und das Rote Meer. ↩
Gen. 2, 10. ↩
Ebd. [Gen.] 2, 10—14. — Die Alten, z. B. der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, glaubten, der Phison sei der große Strom Indiens, der Ganges (oder auch der Indus), der Gehon aber der Fluß Ägyptens, der Nil. Sie kannten eben die Quellen des Nil und des Ganges (b0zw. des Indus) nicht, sie suchten dieselben in Armenien bei den Quellen des Euphrat und Tigris. Vom Nil meinten sie, er umfließe in großem Bogen Arabien und Äthiopien, werde dann der Fluß Ägyptens und münde ins Mittelländische Meer. Die Alten vermuteten also in Armenien das Paradies. Nach Armenien verlegen es auch neuere Gelehrte, wie Fr. Kaulen, G. Hoberg, M. Hetzenauer. Sie suchen den Phison und Gehon im Quellgebiet des Euphrat und Tigris. Als Phison bezeichnen sie den Cyrus (Kur), der das Goldland Kolchis durchfließt, und als Gehon den Araxes. Beide münden vereint ins Kaspische Meer. ↩
Diese Vorstellung fand Johannes bei Severian von Gabala (Or. III, 1 Migne, P. gr. 56, 447—448. Zellinger, a. a. O. S. 89). ↩
Gen. 1, 20. ↩
Ebd. [Gen.] 1, 2. ↩
Vgl. Joh. 3, 5. ↩
Homil. 2, 6 in Hexaem. Migne, P. gr. 29, 41 C—44 C. ↩
Dieser Abschnitt fehlt in einigen Handschriften. ↩
Jetzt Tanger. ↩
