XVIII. KAPITEL. Von der Sinneswahrnehmung.
Sinneswahrnehmung ist eine Kraft der Seele, die das Stoffliche bemerkt 1 oder unterscheidet. Sinne aber S. 87 sind die Werkzeuge 2 oder Glieder, durch die wir wahrnehmen. Sinnlich ist das, was unter die Sinneswahrnehmung fällt. Sinnbegabt ist das Tier, das die Sinneswahrnehmung besitzt 3. Es gibt fünf Sinneswahrnehmungen, ebenso auch fünf Sinnesorgane 4.
Der erste Sinn ist das Gesicht. Werkzeuge und Organe des Gesichtes sind die Gehirnnerven und die Augen. An erster Stelle nimmt das Gesicht die Farbe wahr. Mit der Farbe aber unterscheidet es auch den farbigen Körper, seine Größe, Gestalt, den Ort, wo er ist, den Zwischenraum, die Anzahl, Bewegung und Ruhe, das Rauhe und Glatte, Ebene und Unebene, das Spitze und das Stumpfe und seinen Bestand, ob er wasser- oder erdartig, d. h. naß oder trocken ist 5.
Der zweite Sinn ist das Gehör. Es nimmt die Stimmen und die Töne wahr. Es unterscheidet ihre Höhe und Tiefe, Feinheit und Stärke. Seine Organe sind die weichen Gehirnnerven und die hierfür eingerichteten Ohren. Nur der Mensch und Affe bewegen die Ohren nicht 6.
Der dritte Sinn ist der Geruch. Er entsteht durch die die Dünste ins Gehirn führenden Nasenhöhlen und geht bis an die Grenzen der vorderen Gehirnhöhlen. Er empfindet und bemerkt die Dünste. Der allgemeinste Unterschied der Dünste ist Wohl- und Übelgeruch und das, was dazwischen liegt, was weder wohl noch übel riecht. Wohlgeruch entsteht, wenn die in den Körpern befindlichen Feuchtigkeiten gut verkocht sind. Wenn [sie] aber mittelmäßig [verkocht sind], so [entsteht] ein Zwischenzustand. Sind sie jedoch wenig oder gar nicht verkocht, so entsteht der Übelgeruch 7.
Der vierte Sinn ist der Geschmack. Er bemerkt oder empfindet die Säfte. Seine Organe sind die Zunge, und von dieser besonders die Spitze und der Gaumen, den manche Himmelchen nennen. In ihnen sind die vom S. 88 Gehirn kommenden Nerven ausgebreitet, sie melden dem herrschenden Teil (der Seele) die erfolgte Wahrnehmung oder Empfindung. Die sog. Geschmackseigenschaften der Säfte sind folgende: Süße, Schärfe, Säure, Bitterkeit, Herbheit, Kälte, Salzigkeit, Fettigkeit, Klebrigkeit. Diese unterscheidet nämlich der Geschmack. In Hinsicht auf diese Eigenschaften ist das Wasser geschmacklos. Denn es besitzt keine von ihnen 8. Die Bitterkeit aber ist ein hoher Grad der Herbheit.
Der fünfte Sinn ist der Tastsinn. Er ist auch allen Tieren gemein. Er entsteht durch die Nerven, die vom Gehirn in den ganzen Körper ausgehen. Deshalb besitzen der ganze Körper wie auch die andern Sinneswerkzeuge die Tastempfindung. Es fällt aber unter den Tastsinn das Warme und Kalte, das Weiche und Harte, Klebrige und Spröde, Schwere und Leichte. Denn dies erkennt man nur durch Betasten. Tastsinn und Gesicht gemeinsam aber sind das Rauhe und Glatte, das Trockene und Nasse, Grobe und Feine, Oben und Unten, der Ort und die Größe, wenn sie derart ist, daß sie sich durch Annäherung des Tastsinns umfassen läßt, das Dichte und Dünne oder Spärliche und das Runde, wenn es klein ist, und manch andere Formen. Desgleichen bemerkt er (═ der Tastsinn) mit Hilfe des Gedächtnisses und des Verstandes auch den in der Nähe befindlichen Körper, ebenso auch die Zahl bis zwei oder drei und solch kleine, die man leicht umfassen kann. Diese jedoch nimmt mehr das Gesicht als der Tastsinn wahr 9.
Man muß wissen, daß der Schöpfer ein jedes der andern Sinneswerkzeuge doppelt gemacht hat, damit, wenn eines Schaden leidet, das andere den Dienst versieht. Denn [er machte] zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher und zwei Zungen, die jedoch bei einigen Lebewesen geteilt sind, wie bei den Schlangen, bei den andern aber verbunden, wie beim Menschen. Den Tastsinn aber [machte er] im ganzen Körper, ausgenommen Knochen, Nerven, Nägel und Hörner, Haare, Bänder und anderes dergleichen.
S. 89 Man muß wissen, daß das Gesicht nach geraden Linien wahrnimmt, der Geruch und das Gehör aber nicht bloß geradeaus, sondern nach allen Seiten. Der Tastsinn und der Geschmack aber nehmen weder geradeaus noch nach allen Seiten wahr, sondern nur dann, wenn sie ihren sinnlichen Gegenständen selbst nahe sind.
Vgl. Doctr. Patr. de incarn. Verb. S. 250, 20 f. ↩
Vgl. l. c. S. 250, 22. ↩
Vgl. l. c. S. 250, 24 f. ↩
Vgl. zum ganzen Abschnitt auch Nem., I. c. c. 6, S. 176 u. 174. ↩
Fast wörtlich aus Nem., I. c. c. 7, S. 182 f. ↩
Wörtlich aus Nem., I. c. c. 10, S. 197 f. ↩
Fast wörtlich aus Nem., I. c. c. 11, S. 199 f. ↩
Fast wörtlich aus Nem., I. c. c. 9, S. 196. ↩
Fast wörtlich aus Nem., I. c. c. 8, S. 190—193. ↩
