XIII. KAPITEL. Von den Lüsten.
1 Von den Lüsten sind die einen seelisch, die andern leiblich. Seelisch sind alle, die an sich nur der Seele angehören, wie die an den Wissenschaften und der Betrachtung. Leiblich die, die aus der Verbindung der S. 84 Seele und des Leibes entstehen und deshalb auch leiblich heißen, alle, die sich auf Nahrung, Geschlechtsverkehr u. dgl. beziehen. Lüste, die nur dem Leibe eigen sind, findet man wohl nicht.
Des weiteren sind von den Lüsten die einen wahr, die andern falsch. Die rein geistigen (seelischen) bestehen in Wissenschaft und Betrachtung, die leiblichen aber in der Sinnesempfindung. Von den leiblichen Lüsten sind die einen natürlich und zugleich notwendig, ohne sie kann man nicht leben, wie die das Bedürfnis befriedigenden Speisen und die notwendigen Kleider, die andern natürlich, jedoch nicht notwendig, wie die natürlichen und rechtmäßigen Beiwohnungen. Denn letztere dienen zwar zur Fortdauer des ganzen Geschlechtes, aber man kann ohne sie in Jungfräulichkeit leben. Andere endlich sind weder notwendig noch natürlich, wie Trunkenheit, Unzucht und Übersättigung. Denn sie nützen weder zur Erhaltung unseres Lebens noch zur Fortpflanzung des Geschlechtes. Im Gegenteil, sie schaden vielmehr sogar. Darum muß der nach Gottes Willen 2 Lebende den notwendigen und natürlichen zugleich folgen, an zweite Stelle aber die natürlichen und nicht notwendigen, wie sie in der entsprechenden Zeit und Weise und im entsprechenden Maße auftreten, setzen. Die andern aber muß er durchaus zurückweisen.
Als gute Lüste müssen die gelten, die nicht mit Traurigkeit verbunden sind und keine Reue mit sich bringen noch sonst einen Schaden verursachen noch die Grenze des Mäßigen überschreiten noch uns für lange von den wichtigen Arbeiten abziehen oder unterjochen.
