XXIII. KAPITEL. Von der Tätigkeit.
Man muß wissen, daß alle die vorgenannten Kräfte, die erkennenden wie die lebenstätigen, die natürlichen wie die kunstfertigen, Tätigkeiten genannt werden. Denn Tätigkeit ist die natürliche Kraft und Bewegung einer jeden Wesenheit. Und wiederum: Natürliche Tätigkeit ist die eingepflanzte Bewegung einer jeden Wesenheit. Daher ist klar, daß das, was dieselbe Wesenheit hat, auch dieselbe Tätigkeit hat. Wo aber die Naturen S. 97 verschieden sind, da sind auch die Tätigkeiten verschieden. Denn es ist unmöglich, daß eine Wesenheit ohne natürliche Tätigkeit ist.
Ferner ist natürliche Tätigkeit die jede Wesenheit offenbarende Kraft. Und wiederum: Natürliche Tätigkeit ist auch die erste (ursprüngliche) sich stets bewegende Kraft der vernünftigen Seele, d. i. ihr stets regsames Denken, das auf natürliche Weise immerfort aus ihr quillt. Und wiederum: Natürliche Tätigkeit ist die Kraft und Bewegung einer jeden Wesenheit, ohne die nur das nicht Seiende ist.
Tätigkeiten heißen aber auch die Handlungen, wie das Reden, das Gehen, das Essen, das Trinken u. dgl. Auch die natürlichen Affekte (πάθη) [pathē] werden oft Tätigkeiten genannt, wie Hunger, Durst u. dgl. Tätigkeit heißt ferner auch die Verwirklichung der Möglichkeit.
Auf zweifache Weise wird die Möglichkeit und die Wirklichkeit ausgesagt. Wir nennen einen Knaben, der noch Säugling ist, einen Grammatiker der Möglichkeit nach. Er hat ja die Befähigung, durch Lernen ein Grammatiker zu werden. Wir nennen ferner den Grammatiker einen Grammatiker der Möglichkeit und der Wirklichkeit nach: der Wirklichkeit nach, weil er die Kenntnis der Grammatik besitzt; der Möglichkeit nach, weil er sie lehren kann, aber den Unterricht nicht ausübt. Und wieder nennen wir ihn einen Grammatiker der Wirklichkeit nach, wenn er wirkt, d. h. lehrt 1.
Man muß also wissen, daß die zweite Art sowohl die Möglichkeit wie die Wirklichkeit bedeutet: an zweiter Stelle die Möglichkeit, an erster aber die Wirklichkeit.
Erste und alleinige und wahre Naturtätigkeit ist das freiwillige oder vernünftige und selbstmächtige Leben, S. 98 das auch unsere Art begründet. Die dem Herrn dies nehmen, von denen weiß ich nicht, wie sie ihn als den menschgewordenen Gott bezeichnen.
Tätigkeit ist wirksame Naturbewegung 2. Wirksam heißt das, was sich aus sich selbst bewegt.
Johannes hat dieses Beispiel den Scholien des um die Mitte des 6. Jahrhunderts (Krumbacher, Geschichte der byzantinischen Literatur, München ² 1897, S. 432) lebenden Neuplatonikers Elias (Helias) in der Doctr. Patr. de incarn. Verb., S. 201, 17—27 u. 202, 1—6, entnommen. Dasselbe Beispiel gebraucht, wenn auch nicht in dieser Ausführlichkeit, etwas später Stephanus, ein Philosoph (Aristoteliker) in Alexandrien um 620 (Krumbacher, a. a. O. S. 430): Doctr. Patr. S. 203, 5 ff. ↩
Doctr. Patr. de incarn. Verb. c. 33, S. 258, 6. Diekamp (Doctr. Patr. l. c. zu Zeile 6) verweist auf Gregor von Nyssa bei Maximus, Diversae definitiones (Migne, P. gr. 91, 281 A). ↩
