XVI. KAPITEL. Vom Zorn.
Zorn ist ein Aufwallen des Herzblutes, das infolge Aufdampfens oder Erregens der Galle entsteht. Deshalb heißt er auch Chole und Cholos (═ Galle). Es ist aber bisweilen der Zorn auch ein Verlangen nach Rache. Denn werden wir beleidigt oder glauben wir beleidigt zu werden, so sind wir traurig, und es entsteht dann der Affekt, der aus Begier und Zorn gemischt ist 1.
Es gibt drei [Arten] des Zornes: Ärger, der auch Chole und Cholos (═ Galle) heißt, Groll und Rachsucht. Wenn nämlich der Zorn anhebt und sich regt, heißt er Chole und Cholos (═ Galle ═ Ärger). Groll (μῆνις) [mēnis] ist bleibender Ärger oder Gedenken des erlittenen Bösen (μνησικακία) [mnēsikakia]. Er heißt so, weil er bleibt S. 86 (παρὰ τὸ μένειν) [para to menein] und sich dem Gedächtnis (τῇ μνήμῃ) [tē mnēmē] einprägt. Rachsucht (κότος) [kotos] aber ist Ärger, der die Zeit zur Rache abpaßt. Diese hat ihren Namen von κεῖσθαι [keisthai] (liegen bleiben = auf der Lauer liegen).
Der Zorn ist der Trabant des Verstandes, ein Rächer der Begierde. Denn wenn wir eine Sache begehren und von jemand gehindert werden, so sind wir, gleich als wäre uns Unrecht widerfahren, über ihn zornig, nachdem offenbar der Verstand geurteilt, daß das Geschehene bei denen, die naturgemäß ihre Stellung wahren, Zorn verdient 2.
