13. Über die Veränderlichkeit der Gedanken.
Denn wenn unser Geist den Anfang irgend eines Psalmes hergenommen hat, so wird er unvermerkt abgezogen und zu dem Texte irgend eines andern Schrifttheiles ohne sein Wissen und zu seinem Staunen hingeleitet. Und wenn er nun diesen in sich erwägen will und ihn noch nicht vollständig durchgegangen hat, da kommt ihm die Erinnerung einer andern Stelle und verdrängt die Betrachtung des vorigen Gegenstandes. Von dieser wird er zu einer andern gezogen, da irgend eine andere Erwägung sich eindrängt, und S. a599 so wird der Geist immer von Psalm zu Psalm getrieben, springt von dem Texte des Evangeliums zu der Lesung des Apostels, wird von dieser wieder zu den Aussprachen der Propheten gewendet, und von da zu gewissen geistigen Erzählungen geführt wird er durch das ganze Gebiet der hl. Schriften unstät hin und hergeworfen. Nichts kann er mit freiem Willen wegthun oder behalten noch Etwas zur völligen Erforschung und Beurtheilung ans Ende führen, da er die geistigen Bedeutungen nur berührt und kostet, nicht aber vollständig herausbringt und besitzt. Und so wird der immer bewegliche und unruhige Geist selbst zur Zeit des gemeinsamen Gottesdienstes wie berauscht durch Verschiedenes hin und hergezogen und verrichtet keine Gebetspflicht, wie sich’s gehört. Zum Beispiel: Während er bittet, denkt er über einen Psalm oder eine Lektion nach; während er singt, betrachtet er etwas Anderes, als der Text des Psalmes enthält; wenn er die Lektion liest, erwägt er Etwas, was er thun soll, oder erinnert sich an Das, was er gethan hat. Auf diese Art wird Nichts nach Ordnung und Schicklichkeit aufgenommen oder ausgeschlagen, gleich als wenn er durch zufälligen Drang getrieben würde, da er nicht die Macht hat. Das zu behalten oder bei dem zu verweilen, was ihm gefällt. Es ist uns also vor Allem nöthig, zu wissen, wie wir diese Gebetspflichten würdig erfüllen oder doch eben diesen Vers, den du uns als Formel gelehrt hast, immer in Erinnerung haben können, damit die entstehenden und schwindenden Gedanken nicht nach ihrer eigenen Veränderlichkeit hin und herströmen, sondern in unserer Gewalt bleiben.
