1.
V.1: "Und es geschah, nachdem Jesus diese Reden vollendet hatte, begab er sich fort von Galiläa und kam an die Grenzen von Judäa, jenseits des Jordan."
Bisher hatte der Herr Judäa wegen der Eifersucht der Juden gewöhnlich gemieden; jetzt begibt er sich wieder dorthin, da sein Leiden nahe bevorstand. Er geht aber noch nicht nach Jerusalem, sondern vorerst nur an die Grenzen von Judäa. Und als er dahin ging,
V.2: "folgten ihm viele Scharen Volkes und er heilte sie dort."
Nicht ununterbrochen liegt er der Predigt ob, wie er auch nicht stets Wunder wirkt; er tut vielmehr bald das eine, bald das andere, um auf verschiedene Weise am Heile derer, die sich ihm anschlossen und ihm folgten, zu arbeiten. Durch die Wunder bekundete er sich als Lehrer, der auf Glauben Anspruch erheben darf, durch die Predigt vertiefte er, was er durch die Wunder gewonnen hatte. Das war der Weg, wie er die Menschen S. d893zur Erkenntnis Gottes zu führen suchte. Beachte hierbei, wie die Jünger ganze Volksscharen mit einem einzigen Worte nur kurz erwähnen, ohne die Geheilten einzeln mit Namen anzuführen. So sagen, sie einfach; "Viele sind geheilt worden", nicht der und der, um uns zu unterweisen, dass man nicht prahlen soll. Christus heilte aber die Leute, um ihnen eine Wohltat zu erweisen und durch sie wieder vielen anderen; denn die Heilung ihrer Leiden wurde für die anderen eine Anregung zur Erkenntnis Gottes. Nicht so für die Pharisäer; diese werden vielmehr infolgedessen noch verbissener und sie treten heran, ihn zu versuchen. Da sie jedoch in seinen Werken keine Handhabe fanden, so versuchten sie es mit Fragen.
V.3: "Und Pharisäer traten zu ihm und versuchten ihn und sagten: Ist es einem Manne erlaubt, sein Weib zu entlassen aus was immer für einer Ursache?"
Welch eine Torheit! Obwohl sie schon längst seine Überlegenheit erfahren hatten, meinten sie doch, ihn durch ihre Fragen zum Schweigen bringen zu können. Sie waren geschlagen worden, als sie vieles über die Sabbatheiligung geredet hatten, als sie ihn der Gotteslästerung bezichtigten, als sie ihn für besessen erklärten, als sie den Jüngern Vorwürfe machten, dass sie durch die Saatfelder gingen, als sie über das Essen mit ungewaschenen Händen stritten; immer hatte er sie mundtot gemacht, ihre unverschämte Zunge in die Schranken gewiesen und sie so heimgeschickt. Aber trotz all dem lassen sie sich nicht abschrecken. So frech und unverschämt waren sie in ihrer Bosheit und Eifersucht, und wenn er ihnen tausendmal den Mund stopfte, tausendmal versuchen sie es von neuem.
Beachte aber auch, was für eine Bosheit in der Art und Weise der Fragestellung an den Tag tritt. Sie sprechen nicht: Du hast verboten, ein Weib zu entlassen; darüber hatte er schon seine Meinung ausgesprochen. Davon tun sie jedoch gar keine Erwähnung, sondern fingen wieder von vorne an. Sie wollen ihm einen noch verfänglicheren Hinterhalt legen und ihn in einen Widerspruch mit dem Gesetze hineinzwingen. Darum S. d894lautet ihre Frage nicht: Warum hast du das und das als Gesetz hingestellt, sondern, als hätte er noch gar nichts gesagt: "Ist es erlaubt?" Sie hofften eben, er habe seine früheren Reden vergessen. Antwortete er also: Es ist nicht erlaubt, sein Weib zu entlassen, so waren sie schon bereit, ihm entgegenzuhalten, was er seinerzeit erklärt hatte und zu sagen: Wie konntest Du aber früher das Gegenteil behaupten? Stellte er jedoch dieselbe Lehre wie früher auf, dann gedachten sie ihm das Gesetz des Moses entgegenzuhalten. Was antwortet also der Herr? Er sagt nicht: "Ihr Heuchler, was versucht ihr mich?"1 ; später allerdings sprach er so, hier jedoch nicht. Warum wohl? Um ihnen zu zeigen, dass er nicht nur überlegen, sondern auch sanftmütig war. Er schweigt nicht jedesmal, damit sie nicht etwa meinten, er durchschaue sie nicht; er macht ihnen aber auch nicht jedesmal Vorwürfe, um uns ein Beispiel zu geben, dass wir alles mit Gelassenheit hinnehmen sollen. Welches ist nun seine Antwort?
V.4: Habt ihr nicht gelesen, dass der, welcher den Menschen schuf vom Anfange an, sie als Mann und Weib geschaffen hat, und dass er sprach:
V.5: "Deshalb wird der Mann den Vater und die Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und werden die zwei sein in einem Fleische"?2 .
V.6: Demnach sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll er Mensch nicht trennen."
Da bewundere die Weisheit des Lehrers. Auf die Frage: "Ist es erlaubt?" erwidert er nicht sofort: Es ist nicht erlaubt, um sie nicht in Verlegenheit und Verwirrung zu bringen; vielmehr bereitet er sie auf seinen Bescheid vor durch die Klarstellung, dass auch sein Vater dasselbe Gebot gegeben habe und dass er mit seiner Satzung nicht in Widerspruch zu Moses, sondern in vollem Einklange mit ihm steht. Beachte ferner, wie er seine Erklärung nicht bloß aus der Tatsache der S. d895Erschaffung, sondern auch aus dem Gebote selbst erhärtet; denn er sagt nicht, dass Gott nur einen Mann und ein Weib gebildet hat, sondern dass er auch das Gebot gab, ein Mann solle sich nur mit einem Weibe verbinden. Hätte er gewollt, dass der Mann sein Weib entlassen und eine andere heiraten dürfe, so hätte er nach der Erschaffung des einen Mannes gewiß mehrere Weiber gebildet. Aus der Art der Erschaffung und aus dem Wortlaut des Gesetzes geht aber hervor, dass er will, ein Mann soll durchaus nur mit einem Weibe in Lebensgemeinschaft stehen und dürfe sich von ihr niemals trennen. Und höre, wie er sagt: "Der, welcher sie im Anfange geschaffen hat, als Mann und Weib hat er sie geschaffen", d.h. sie sind aus einer Wurzel hervorgegangen und haben sich zu einem Leibe vereinigt, "zwei werden sie in einem Fleische sein". Dann sucht er sie von jedem Vorwurf gegen dieses Gesetz abzuschrecken, und um es noch mehr zu bekräftigen, sagt er nicht etwa: Ihr dürfet das Eheband nicht zerreißen oder trennen, sondern vielmehr: "Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen." Wenn du mir Moses entgegenhältst, so berufe ich mich auf den Herrn des Moses und zur weiteren Bekräftigung auf das Alter des Gesetzes. Im Anfange nämlich bildete Gott die Menschen als Mann und Weib. Uralt ist also das Gesetz, wenn es auch den Anschein hat, als hätte ich es jetzt erst eingeführt. Auch ist es eine sehr ernste und wichtige Sache damit, denn Gott führte nicht einfach das Weib dem Manne zu, sondern hieß ihn auch ihretwegen Vater und Mutter verlassen; er gebot ihm, nicht bloß das Weib zu nehmen, sondern ihr anzuhangen, um durch die Wahl der Worte die Unzertrennlichkeit anzudeuten. Ja, auch das war ihm noch nicht genug: er verlangte eine andere, noch innigere Verbindung; "Sie werden zwei sein in einem Fleische."
