19. Die Schriftlehre über Gott — nach Hilarius.
Laß mich zuerst das Nachlassen des unerträglichen Schmerzes erbitten und dann zu dir, allmächtiger Gott, mich sprechen! Laß mich, der ich zwar nur Erde und Staub, aber durch das Band deiner Liebe gefesselt bin, in Freiheit diese Worte sprechen dürfen!
Glücklos, Nichts, war ich vorher; der Lebensempfindung und der Selbsterkenntnis bar, entbehrte ich des Daseins. Doch dein Erbarmen war mir Ursache, daß ich Leben gewann; und darüber bin ich ohne Zweifel, daß du, Guter, es als Gut mir bestimmt hast, geboren zu werden. Denn der du meiner nicht bedarfst, würdest mir nicht den Beginn meines Daseins gegeben haben, um es zum Ursprung des Bösen werden zu lassen.
Da du mich aber zum Leben beseelt und auch die Einsicht der Vernunft mir gewährt hast, da hast du mich zur Erkenntnis deiner herangebildet durch Bücher, die ich für heilig halte, und zwar des Moses und der Propheten, deiner heiligen Knechte; in ihnen hast du geoffenbart, daß du nicht in Vereinzelung verehrt werden dürftest. Durch deine1 Lehre habe ich in diesen Büchern den Gott erkannt, nicht als anderen dem Wesen nach, wohl aber als einen (mit dir) im Geheimnis deines Seins. Erkannt habe ich dich als Gott in Gott, nicht durch Vermischung S. 286 verworren, sondern aus der Lebenskraft des Wesens heraus; denn sofern du Gott bist, bist du auch in dem, der aus dir heraus sein Dasein hat; nicht so, daß du zugleich (Vater) wärest und (im Sohn) innewohntest,2 sondern so, daß du innewohnst in dem, der aus dir sein Dasein hat: das sollte die Tatsache der vollkommenen Geburt lehren.
Das gleiche auch sprechen die Worte der Evangelien und Apostel zu mir; und die Worte, die aus dem heiligen Munde deines Eingeborenen (gesprochen und) in den Büchern bewahrt wurden, bezeugen es, daß dein Sohn aus dir, dem ungewordenen Gott, als Gott, und als Mensch aus der Jungfrau zum geheimnisvollen Vollzug meines Heiles geboren wurde. In ihm (dem Sohn) sollte dich die Wahrheit der Zeugung aus dir einschließen, und (in dir) sollte das Wesen der aus dir erfolgten Geburt3 verbleiben und so ihn in dir zurückbehalten.4
