51. Der Vater ist „größer” als der Sohn.
Wer von der Heilsordnung des Glaubens überhaupt nichts kennt, der befindet sich außerhalb einer Erkenntnis der Geheimnisse; und wer die Lehre des Evangeliums nicht angenommen hat, der weilt als Fremdling außerhalb der Hoffnung des Evangeliums.
Zu glauben gilt es, daß der Vater im Sohn und der Sohn im Vater ist, vermöge der Einheit des Wesens, vermöge der kraftvollen Macht, vermöge der Gleichheit des Ehrenvorzuges, vermöge der Zeugung der Geburt. Doch S. 127 vielleicht ist dieser unserer Lehre die Bekundung des Herrn entgegen, wenn er sagt: „Der Vater ist größer als ich.”1 Ist das, Irrlehrer, das Geschoß deines Falschglaubens? Das die Waffe deines Wahns? Begreifst du denn gar nicht, daß die Kirche nichts weiß von zwei Ungeborenen, nichts lehrt von zwei Vätern? Hast du das Heilswerk des Mittlers vergessen und darin die Geburt, die Wiege, das Heranwachsen, das Leiden, das Kreuz, den Tod? Und bei deiner Wiedergeburt hast du nicht die Geburt des Sohnes Gottes aus Maria bekannt? Wenn der Sohn bei dem Erleben von all diesem sagt: „Der Vater ist größer als ich”: meinst du denn, du brauchtest es nicht zu wissen, daß dieses Wirken deines Heiles eine Entäußerung der Gestalt Gottes sei? Und daß der Vater außerhalb dieser Annahme menschlicher Erlebnisweisen in jener seligen Ewigkeit seines unbefleckten Wesens geblieben sei, ohne Übernahme unseres Fleisches?2
Wir lehren nämlich, daß der eingeborene Gott in Gottes Gestalt und (deswegen) in Gottes Wesen geblieben sei, und wir lassen nicht sofort die Einheit der Knechtsgestalt3 in das Wesen der göttlichen Einheit sich ergießen; anderseits lehren wir auch nicht, daß der Vater durch körperliche Durchdringung im Sohn sei,4 sondern daß das artgleiche, aus ihm (dem Vater) erzeugte Wesen das erzeugende Wesen als wesensmäßigen Besitz in sich gewonnen habe; dieses Wesen (= Sohn) blieb in der Gestalt des erzeugenden Wesens und hat die Gestalt körperlichen Wesens und körperlicher Schwachheit (noch dazu) angenommen.
Es bestand nämlich die Eigentümlichkeit des (göttlichen) Wesens; aber die Gestalt Gottes bestand nicht mehr, weil durch deren Entäußerung die Gestalt S. 128 des Knechtes übernommen worden war. Es hatte auch nicht das Wesen Mangel gelitten, um ins Nicht-sein zu versinken; das fortbestehende göttliche Wesen hatte vielmehr die Niedrigkeit der irdischen Geburt in sich aufgenommen, indem es die Macht seiner (göttlichen) Eigenart in dem Stande der übernommenen Niedrigkeit betätigte. Wer aus Gott als Gott geboren, in Knechtesgestalt als Mensch erfunden5 war, wer als Gott durch seine Wundertaten sich bewährte: der war weder nicht Gott, als den er durch seine Taten sich bewährte; noch auch blieb er nicht Mensch, in dessen Stande er erfunden wurde.
