19. Diese Salbung bezieht sich nicht auf die Gottheit Christi.
Da weiterhin im Anfang das Gott-Wort bei Gott war,1 so gibt die Salbung keinen Grund und keine (nähere) Beschreibung seines Wesens zur Hand, von dem nichts anderes als das Sein im Anfang ausgesagt wird. Gott trug wirklich keine Notwendigkeit in sich, durch den Geist und die Kraft Gottes gesalbt zu werden,2 er, der Gottes Geist und ebenso auch Kraft ist.
Gott wird also von seinem Gott vor seinen Gefährten gesalbt. Wenn es vor der Heilsfügung der Fleischesannahme auf Grund des Gesetzes mehrere Gesalbte gibt, so ist Christus, der vor den Gefährten gesalbt wird, jetzt der Zeit (der Salbung) nach später, während er doch seinen Gefährten vorgezogen wird. Jenes Weissagungswort hat endlich diese spätere Salbung aufgewiesen, die in der Zeit stattfinden sollte: „Geliebt hast du die Gerechtigkeit und gehaßt hast du die Unbilligkeit; deshalb hat Gott, dein Gott, dich mit dem Öl der Freude vor deinen Gefährten gesalbt.”3 Die nachfolgende und spätere Ursache wird nie rückwärts gewandt, um die frühere zu sein; denn etwas verdient zu haben, ist später als das Dasein dessen, der das Verdienst erwerben könnte. Verdienste zu erwerben, kommt S. 250 nämlich demjenigen zu, der als Urheber dazu Dasein besitzt, sich selbst Verdienste zu erwerben. Wenn wir also der Geburt des eingeborenen Gottes eine Salbung zuschreiben, eine Salbung, die wegen des Verdienstes der Liebe zur Gerechtigkeit und des Hasses der Unbilligkeit gewährt ist, dann wird man eher den eingeborenen Gott als durch die Salbung gefördert ansehen, als für geboren. Durch Zuwachs und Fortschritt wird derjenige somit als Gott vollendet, der nicht als Gott geboren wurde, sondern seine Salbung als Gott auf Grund seines Verdienstes empfing. Gott wird vermöge einer Ursache4 Christus sein, nicht wird jede Ursache durch den Gott-Christus bestehen.
Und wo wird jenes Apostelwort bleiben: „Alles besteht durch ihn und in ihm, und er ist vor allen, und alles besteht in ihm”?5 Gott ist nämlich der Herr Jesus Christus, und nicht wegen irgendwelcher Dinge noch auch durch irgendwelche Dinge ist er Gott; er ist vielmehr als Gott geboren. Wer auf Grund der Geburt Gott ist, der ist nicht nach der Geburt auf einen Grund hin (der außerhalb seiner liegt) zum Gott-sein aufgestiegen; sondern dadurch, daß er geboren wurde, ist er durch seine Geburt nichts anderes als eben Gott. Wenn er aber auf einen Grund hin gesalbt wird, so bezieht sich die Förderung durch die Salbung nicht darauf, was keines Zuwachses bedarf, sondern darauf, was einer Förderung durch die Salbung vermöge eines Zuwachses des Geheimnisses bedurfte, d. h., daß vermöge der Salbung unser Christus als geheiligter Mensch sein Dasein besitze.
Wenn also jetzt auch durch den Propheten seine Stellung als Knecht dargetan wird, wegen deren er von Gott mit Bevorzugung vor seinen Gefährten gesalbt wird und deswegen gesalbt wird, weil er die Gerechtigkeit geliebt und die Unbilligkeit gehaßt hat: warum soll das Prophetenwort sich nicht auf dasjenige Wesen Christi beziehen, in dem wir ihm auf Grund der Leibesannahme S. 251 Gefährten sind? Und ganz besonders deswegen, weil der Geist der Weissagung in der Weise seine Aussage gefaßt hat, daß für Gott bei seiner Salbung durch seinen Gott in dem Vollzug der Salbung einerseits beschlossen liegt, daß es sein Gott ist (, der ihn salbte), anderseits, daß er wesensmäßig Gott ist.
Gott also wird gesalbt. Doch frage ich, ob dasjenige Wort gesalbt wurde, das im Anfang bei Gott war.6 Doch gewiß nicht; denn die Salbung ist später als Gott. Und da nicht diejenige Geburt des Wortes gesalbt wurde, die im Anfang als Gott bei Gott war, so muß derjenige (Wesens)- teil Gottes gesalbt werden, der im Verlauf der Heilsveranstaltung später ist (als diejenige Wesensart), vermöge deren er Gott ist. Wenn Gott von seinem Gott gesalbt wird, so wird alles dasjenige gesalbt, was von ihm in dem Geheimnis des Fleisches als Knechteswesen übernommen wurde.
