30. Die Unterwerfung Christi bedeutet keine Erniedrigung, sondern ist freigewollte Tat.
Wenn auch manches (andere) für unseren Glauben förderlich ist, so soll doch hinsichtlich der Unterwerfung gerade diese Stelle sich selbst hilfreich sein, damit man nicht dem Sohn auf sie hin etwas Schmachvolles zuschreibe.
Zunächst frage ich den gesunden Menschenverstand, ob wir die Unterwerfung in unserer Auffassung so verstehen sollen, als ob wir die Knechtschaft der Herrschaft unterwerfen oder die Schwachheit der Kraft oder der Ehre die Unehre mit entgegengesetzten Eigenschaften, so daß der Sohn demgemäß wegen der Verschiedenheit eines anderen Wesens Gott dem Vater unterworfen sei. Wenn man dieser Meinung ist, dann wird die Vorsorge des Apostelwortes diesen Irrtum menschlichen Meinens verhindern. Er sagt nämlich, daß nach der Unterwerfung von allem unter ihn nun (auch er) demjenigen unterworfen werden müsse, der ihm alles unterwirft; und dadurch, daß er zu diesem Zeitpunkt unterworfen wird, hat er den Vollzug in seinem Zeitpunkt genau bezeichnet.
Denn wenn wir unter der Unterwerfung etwas anderes verstehen und wenn er auch dann unterworfen werden S. 260 wird, so ist er jetzt gewiß nicht unterworfen, und wir werden das Anders-sein und die Überheblichkeit und Falschgläubigkeit desjenigen bewirken, den erst der Zwang der Zeit zu später Gefolgsamkeit unterwerfen wird, nachdem sozusagen die Aufgeblasenheit herrschsüchtiger Falschgläubigkeit gebrochen und unterdrückt worden ist. Und wo wird jenes Wort bleiben: „Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat”,1 und wiederum: „Deswegen liebt mich der Vater, weil ich alles tue, was ihm wohlgefällig ist”,2 aber auch jenes: „Vater, dein Wille geschehe”,3 oder dieses Apostelwort: „Er hat sich erniedrigt, gehorsam geworden bis zum Tode”?4 Und wer sich erniedrigt, besitzt kraft seines Wesens dies, nicht erniedrigt zu sein; und wer gehorsam ist, nimmt es aus freiem Willen auf sich, gehorsam zu sein, da er durch seine freiwillige Erniedrigung gehorsam wird.
In welcher Weise soll man es also auffassen, daß der eingeborene Gott, der sich erniedrigt und dem Vater bis zum Tod am Kreuz gehorsam ist, selbst dereinst dem Vater unterworfen werden soll, wenn alles ihm unterworfen ist? Es ist doch nur in dem Sinne möglich, daß diese Unterwerfung nicht Ausfluß eines neuen Gehorsams, sondern eines zu vollziehenden Geheimnisses ist, da ja die Folgsamkeit bereits besteht und die Unterwerfung zu einer (bestimmten) Zeit übernommen werden soll. Jetzt ist also die Bezeichnung der Unterwerfung nichts anderes als der Erweis des Geheimnisses.
