15. Daß die Einsicht, die Gebote Gottes zu erkennen, und die Neigung des guten Willens vom Herrn gegeben werde.
Auch die Einsicht, die Gebote Gottes zu erkennen, die er im Gesetzbuch verzeichnet wußte, verlangt der hl. David vom Herrn zu erhalten, indem er sagt: 1 „Dein Diener bin ich; gib mir Verstand, deine Gebote zu lernen!“ Er besaß doch wohl den ihm schon von Natur verliehenen Verstand, und auch die Kenntniß der Gebote, die im Gesetzbuch geschrieben standen, hatte er in Bereitschaft, und doch bittet er Gott, daß er Dieß noch mehr erfasse, da er wohl weiß, daß ihm durchaus nicht genügen könne, was durch den natürlichen Zustand verliehen ist, wenn nicht sein Sinn durch tägliche Erleuchtung Gottes zum geistigen Verständniß des Gesetzes und zur klarern Erkenntniß der Gebote erhellt worden. Das Gesagte lehrt uns auch noch deutlicher gerade das Gefäß der Auserwählung in der Stelle: 2 „Denn Gott ist es, der in uns das Wollen und Vollbringen bewirkt nach seinem Wohlgefallen.“ Und wieder: 3 „Verstehe, was ich sage, denn der Herr wird dir Verständniß geben.“ Was sagt er hiemit offenbar Anderes, als daß sowohl unser guter Wille als auch die Vollendung des Werkes vom Herrn in uns zu Stande komme? Weiterhin sagt er: 4 „Euch ist es gegeben für Christus, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden.“ Auch hier erklärt er also, daß sowohl der Anfang der Bekehrung und unsers Glaubens als auch die Ertragung der Leiden uns vom Herrn geschenkt werde. In dieser Einsicht betete Da- S. a376 vid gleichfalls, es möge ihm das vom Herrn gegeben werden, und spricht: 5 „Befestige, o Herr, was du in uns gewirkt hast.“ Er zeigt hiemit, daß ihm die durch Gottes Geschenk und Gnade verliehenen Anfänge des Heiles nicht genügen, wenn sie nicht ebenso durch sein Erbarmen in täglicher Hilfe vollendet würden. Denn nicht der freie Wille, sondern Gott löst die Gefesselten: 6 nicht unsere Kraft, sondern Gott richtet auf die Gebeugten: nicht der Eifer in der Lesung, sondern Gott erleuchtet die Blinden, wie es im Griechischen heißt: κύριος σοφοῖ τύφλους, d. h. Gott macht weise die Blinden. Nicht unsere Vorsorge, sondern Gott beschützt die Fremdlinge; nicht unsere Kraft, sondern Gott erleichtert und stützt Alle, die fallen. Das aber sagen wir nicht, um unser Streben und Mühen und Trachten als eiteln und überflüssigen Aufwand für Nichts zu erklären, sondern damit wir wissen, daß wir ohne Hilfe Gottes weder streben können noch Erfolg haben werden bei unsern Versuchen, jenen übergroßen Preis der Reinheit zu ergreifen, wenn er uns nicht durch Gottes Hilfe und Erbarmen zugetheilt wird. Denn: 7 „Das Roß wird gerüstet auf den Tag der Schlacht, vom Herrn aber kommt die Hilfe;“ 8 denn nicht in seiner Tapferkeit ist mächtig der Mann, 9 und unverlässig ist das Roß, wo es Rettung gilt, damit, wer immer sich rühmt, im Herrn sich rühme.“ 10 Wir müssen also immer mit dem hl. David singen: 11 „Meine Stärke und mein Lob ist“ nicht der freie Wille, sondern „der Herr; und er ist mir zum Heile geworden.“ Das wußte der Völkerlehrer gar wohl und bekannte deßhalb, er sei nicht durch eigenes Verdienen und Abmühen tauglich geworden zum Dienste des neuen Testamentes, sondern durch Gottes Erbarmen. So sagt er: 12 „Nicht als wären wir tauglich. Etwas zu denken von uns aus, wie aus uns son- S. a377 dern unser Genügen ist aus Gott.“ Dafür könnte man zwar in weniger gutem Latein, aber mit mehr bezeichnendem Ausdruck sagen: Unsere Tauglichkeit 13 ist aus Gott. Endlich folgt: „Der uns auch zu tauglichen Dienern des neuen Testamentes gemacht hat.“
Ps. 118. ↩
Philipp. 2, 13. ↩
II. Tim. 2, 7. ↩
Philipp. 1, 29. ↩
Ps. 67, 29. ↩
Ps. 145, 7. ↩
Sprüchw. 21, 31. ↩
Die den Sieg verleiht. ↩
I. Kön. 2, 9. ↩
II. Kor. 10, 17. ↩
Ps. 32 u. 117. ↩
II. Kor. 3, 5—6. ↩
Cassian will hier idoneitas statt sufficientia setzen; ein Beweis, daß er die Collationen lateinisch und nicht, wie Einige meinten, griechisch geschrieben; sonst hätte ihm das ἱκανότης des Apostels keinen Anlaß zu solchen Künsteleien gegeben. ↩
