19. Daß der Anfang des guten Willens und seine Vollendung vom Herrn sei.
Durch all Dieß werden wir auf’s Klarste belehrt, daß sowohl der Anfang des guten Willens uns durch Gottes Einflößung gegeben werde, wenn er entweder durch sich oder durch die Ermahnung irgend eines Menschen oder durch Bedrängniß uns zum Wege des Heiles zieht: als auch, daß die Vollendung der Tugenden ebenso von ihm geschenkt werde, während es bei uns steht, der Ermahnung und Hilfe Gottes entweder lässig oder eifrig nachzukommen und uns dadurch Lohn oder gerechte Strafe zu verdienen. Haben wir ja doch entweder versäumt oder gestrebt, der Anordnung und Vorsehung, die er in gütigster Herablassung für uns traf, mit opferwilligem Gehorsam zu entsprechen. Das wird bestimmt und klar im Deuteronomium (= fünften Buch Moses) geschildert: 1 „Wenn dich der Herr dein Gott in das Land geführt haben wird, das du zu deinem Besitz betreten sollst, und wenn er vernichtet haben wird viele Völker vor deinem Angesicht, den Ethäer und Gergesäer, den Amorrhäer und Kananäer, den Pheresäer, Eväer und Jebusäer, sieben Völker, die viel zahlreicher und stärker sind als du, und wenn er sie dir hingegeben haben wird, so schlage sie bis zur Vernichtung und schließe kein Bündniß mit ihnen, noch vermische dich mit ihnen durch die Ehe!“ So erklärt es also die Schrift als Gnade Gottes, daß sie in das Land der Verheißung geführt werden, daß viele Völker vor ihrem Angesichte vernichtet werden, daß Nationen in ihre Hand gegeben werden von größerer Zahl und Kraft als das Volk Israel. Ob aber Israel dieselben schlage bis S. a381 zur Vernichtung, oder ob es sie bewahre und schone, ob es mit ihnen Bündnisse schließe und Ehen eingehe oder nicht eingehe, das wird als ihm überlassen bezeugt. Durch dieses Zeugniß wird deutlich unterschieden, was dem freien Willen und was der Anordnung und täglichen Hilfeleistung des Herrn zuzuschreiben sei, und daß es Sache der göttlichen Gnade sei, uns die Gelegenheiten des Heiles, glückliche Fortschritte und den Sieg zu verleihen; daß es aber bei uns stehe, die verliehenen Wohlthaten Gottes eifrig oder träge zu benutzen. Dieses Verhältniß sehen wir auch bei der Heilung jener Blinden deutlich genug ausgedrückt; denn daß Jesus bei ihnen vorbeiging, ist Gnade der göttlichen Vorsehung und Herablassung; daß sie mit lautem Rufen bitten: „Erbarme dich unser, o Herr, du Sohn Davids!“ ist das Werk ihres Glaubens, während die Erlangung der Sehkraft wieder ein Geschenk des göttlichen Erbarmens ist. Daß aber auch nach Empfang einer jeden Gabe sowohl die Gnade Gottes als auch die Weise des freien Willens fortdaure, zeigt unter Anderm das Beispiel der zehn Aussätzigen, die auch geheilt wurden. Da von diesen Einer die Gabe seines freien Willens zur Danksagung benützt, zeigt der Herr, indem er nach den neun fragt und den einen lobt, daß er ein beständiges Augenmerk auf seine Hilfe habe auch denen gegenüber, die feiner Wohlthaten uneingedenk seien. Denn gerade das ist ein Geschenk seiner Heimsuchung, daß er entweder die Dankbaren aufnimmt und lobt oder den Undankbaren nachgeht und sie tadelt.
Deuteron. 7, 1 ff. ↩
