15. Was uns die Begierde des Fleisches gegen den Geist nütze.
Fürs Erste weist sie unsere Trägheit und Nachlässigkeit uns sogleich nach und läßt uns wie ein eifriger Erzieher von der Bahn der Strenge und Zucht niemals abweichen, sondern wenn unsere Sorglosigkeit ein wenig das Maaß der geziemenden Strenge mißachtet hat, so treibt sie sogleich an mit den Geißeln der hitzigen Gier und ruft uns scheltend zu der gebührenden Kargheit zurück. Zweitens sehen wir uns oft nach dem Grade unserer Keuschheit und Reinheit mit der Gnade Gottes so lange Zeit von geschlechtlicher Befleckung frei, daß wir meinen, fürderhin nicht einmal durch einfache Aufregung des Fleisches beunruhigt zu werden, und dadurch uns heimlich in unserm Gewissen überheben, als trügen wir nicht mehr die Verderbtheit des Fleisches. Da nun demüthigt uns wieder die Begierlichkeit und drückt uns herab, indem sie uns mit ihrem wenn auch im Schlaf und ohne Absicht erfolgenden Ausflusse heimsucht und uns durch ihre Stacheln mahnt daß wir Menschen seien. Denn wenn wir in den übrigen Arten der Laster, und zwar schwerern und gefährlichern, mit größerer Gleichgiltigkeit zu wandeln pflegen und nicht leicht wegen ihrer Zulassung zerknirscht werden, so fühlt sich in diesem Punkt unser Gewissen gleichsam mehr gedemüthigt und wird bei solchen Vorspiegelungen auch durch die Erinnerung an die vernachlässigten Leidenschaften gepeinigt, da es deut- S. a401 lich einsieht, daß es unrein geworden sei durch die natürliche Brunst, während es die größere Verunreinigung durch geistige Laster nicht merkte. Indem es nun sogleich eilt, die frühere Lässigkeit zu verbessern, wird es gemahnt, daß es sich auch nicht auf die Erfolge der vorigen Reinheit verlassen dürfe, die es augenscheinlich durch eine kleine Abkehr vom Herrn verloren hat, und daß man die Gabe dieser Reinigung nur durch Gottes Gnade besitzen könne, da uns ja die thatsächliche Erfahrung lehrt, wie wir beständig nach der Tugend der Demuth streben müssen, wenn wir die Reinheit des Herzens für immer zu erreichen wünschen.
