19. Von dem dreifachen Zustande der Seelen.
Daniel: Nach der Bestimmung der hl. Schrift gibt es drei Zustände der Seelen: Der erste ist der fleischliche, der zweite der seelische, der dritte der geistige. Diese lesen wir beim Apostel so bezeichnet; denn vom fleischlichen heißt S. a403 es: 1 „Milch gab ich euch zu trinken, nicht aber Speise; denn ihr konntet sie noch nicht ertragen und könnt es auch jetzt noch nicht; denn noch seid ihr fleischlich.“ Und wieder: „Denn da unter euch Eifersucht ist und Streit, — seid ihr da nicht fleischlich?“ Von dem seelischen wird so gesprochen: 2 „Der sinnliche 3 Mensch aber faßt nicht, was vom Geiste Gottes ist; denn es ist ihm Thorheit;“ von dem geistigen aber: „Der Geistige prüft Alles; er selbst aber wird von Niemand gerichtet;“ und wieder: 4 „Ihr, die ihr geistig seid, unterweiset Solche im Geiste der Sanftmuth.“ Wir müssen also emsig streben, wenn wir durch die Entsagung aufgehört haben, fleischlich zu sein, oder angefangen haben mit der Trennung von weltlichem Umgang und der Freiheit von jener offenbaren Befleckung des Fleisches —; dann auch mit aller Kraft sogleich nach Erfassung des geistigen Zustandes zu ringen, damit wir uns nicht vielleicht schmeicheln, als hätten wir alle Vollkommenheit schon erreicht, weil wir, wie es nach dem äussern Menschen scheint, dieser Welt entsagt haben oder die Theilnahme an der fleischlichen Unzucht aufgaben; und damit wir also dadurch nicht in der Folge zu nachlässig und nachsichtig werden in der Besserung der übrigen Leidenschaften und so zwischen beiden hingehalten die Stufe des geistigen Fortschritts nicht erreichen können wegen unserer Meinung, es genüge uns längst zur Vollkommenheit, dem äussern Menschen nach von dem Umgang mit der Welt und Lust getrennt zu sein oder frei zu sein von fleischlicher Vermischung und Verderbniß. Mögen wir uns nur erinnern, daß wir so in jenem lauen Zustande erfunden werden, der als der schlechteste erklärt ist, und daß S. a404 wir also aus dem Munde des Herrn nach seinem eigenen Ausspruch auszuwerfen sind, da er ja sagt: „Wärest du doch warm oder kalt! Da du aber lau bist, will ich beginnen, dich auszuspeien aus meinem Munde.“ Und nicht mit Unrecht erklärt der Herr, daß er sie, die er schon im Innersten seiner Liebe aufgenommen hatte, und die nun so gefährlich lau geworden, gleichsam mit Erschütterung seines Innern auswerfen müsse. Wollten sie ja doch, statt daß sie ihm gleichsam eine heilsame Nahrung hätten bieten können, lieber von seinem Innern losgerissen werden und wurden dadurch um so schlechter als jene Speisen, die nie in den Mund des Herrn gekommen waren, je mehr wir Das, was wir vom Ekel gereizt auswerfen, mit tiefster Abneigung verabscheuen. Denn was kalt ist, wird doch im Munde erwärmt und dann mit wohlthuender Annehmlichkeit genossen; was aber einmal wegen des Fehlers widerlicher Lauheit ausgeworfen ist, das können wir, ich will nicht sagen nicht an die Lippen bringen, sondern nicht einmal von fern ohne größten Abscheu ansehen. Ganz richtig wird also ein Solcher für schlechter erklärt, weil leichter ein fleischlich Gesinnter, d. i. ein Weltlicher oder Heidnischer zum heilsamen Wandel und zum Gipfel der Vollkommenheit gelangt, als Einer, der den Mönchsstand gelobte und doch nicht den Weg der Vollkommenheit nach der Regel der Sucht ergreift, sondern von der Flamme der frühern geistigen Glut abläßt. Denn Jener wird wenigstens durch die körperlichen Laster gedemüthigt, und im Gefühl seiner Verunreinigung durch die fleischliche Fäulniß eilt er, irgend einmal zerknirscht, zur Quelle der wahren Reinigung und zum Gipfel der Vollkommenheit und wird dann auch im Schauder vor seinem Zustand des Unglaubens und der Kälte, bei seiner glühenden Begeisterung leichter zur Vollkommenheit auffliegen. Wer aber einmal angefangen hat, mit seinem lauen Beginnen den Namen eines Mönches zu mißbrauchen, und nicht in pflichtmäßiger Demuth und Begeisterung den Weg dieses Berufes ergreift, der wird, angesteckt von dieser erbärmlichen Pest und in ihr ganz erschlafft, weder aus S. a405 sich selbst weiterhin das Vollkommene verstehen noch durch die Ermahnungen eines Andern unterrichtet werden können; denn er spricht in seinem Herzen, wie es in jenem göttlichen Ausspruche heißt: „Ich bin reich und voll Besitz und bedarf Niemandes.“ Auf ihn wird aber dann auch ganz passend angewendet, was dort folgt: „Du aber bist elend und erbärmlich und arm und blind und nackt.“ Ja auch darin ist er schlechter geworden als ein Weltlicher, weil er sich weder als elend noch als blind und nackt erkennt, oder als bedürfe er der Besserung oder Jemandes Ermahnung und Unterweisung. Deßhalb läßt er auch kein heilsames Wort der Ermahnung zu, sieht aber nicht ein, daß er gerade durch den Mönchsnamen in schwerere Schuld und durch die öffentliche Meinung in größere Noth kommt; denn da er nach dieser von Allen für heilig gehalten und als Diener Gottes verehrt wird, muß er nothwendig in Zukunft einem schwerern Gericht und Strafurtheil unterworfen werden. Kurz, was verweilen wir so lange bei diesen Dingen, die uns durch die Erfahrung hinlänglich bekannt und bewährt sind? Denn häufig sehen wir bei Kalten und fleischlich Gesinnten, d. i. bei Weltlichen und Heiden daß sie zum geistigen Eifer gelangen aber bei; Lauen und Sinnlichen sehen wir das durchaus nicht. Der Abscheu des Herrn vor diesen ist, wie wir beim Propheten lesen, auch so groß, daß er den geistigen Männern und Lehrern befiehlt, sie sollten von der Ermahnung und Belehrung dieser Menschen abstehen und den Samen des heilsamen Wortes ja nicht verschwenden an eine unfähige, unfruchtbare und mit schädlichen Dornen besetzte Erde, sondern sie sollten mit Verachtung derselben lieber ein frisches Land bebauen, d. i. sie sollten auf Heiden und Weltleute alle Pflege der Lehrer und alle Ausdauer im heilsamen Wort übertragen. was so ausgedrückt ist: 5 „Das spricht der Herr zu dem Manne von Juda S. a406 und zu den Bewohnern von Jerusalem: Brechet euch Neubruch um, und säet nicht unter die Dornen!“
I. Kor. 3, 2. 3. ↩
I. Kor. 2, 14. ↩
Animalis von anima, Seele, können wir ebensowohl mit sinnlich als mit seelisch übersetzen, da hier die Seele als Einheit jener Kräfte verstanden ist, durch welche die Sinne wirken, während die Gesammtheit der höhern Kräfte ebenderselben Seele mit dem Worte Geist bezeichnet wird. ↩
Gal. 6, 1. ↩
Jerem. 4, 3. ↩
